Agenturmeldungen

Die Würde des Menschen wird in der Pflege täglich angetastet

13.09.2017

Berlin (dpa) - Die Würde des Menschen in deutschen Krankenhäusern und

Altenheimen werde «tagtäglich ... tausendfach verletzt». Alexander

Jorde, der gerade eine Ausbildung zum Krankenpfleger macht, legte am

Montagabend in der ARD-«Wahlarena» mit Bundeskanzlerin Angela Merkel

(CDU) den Finger in die Wunde. «Es gibt Menschen, die liegen

stundenlang in ihren Ausscheidungen.» Dieser Zustand sei nicht

haltbar. Tut der Staat genug gegen den Pflegenotstand?

 

Gibt es einen besonderen Schutz für Pflegebedürftige?

 

Ja, Pflegebedürftige genießen einen besonderen Schutz. Da sich

Patienten oft nicht wehren können, gilt in der Pflege ein

«erweiterter Gewaltbegriff». Es geht hier nicht nur um aktive oder

gar kriminelle Gewalt, sondern es geht auch um Gewalt durch

Vernachlässigung, durch seelische Verletzungen oder durch Eingriffe

in die Intimsphäre bis hin zu sexuellen Übergriffen.

 

Wo sind die Probleme in der Pflege?

 

Im Krankenhaus wurde über Jahre bei der sogenannten Pflege am Bett

gespart, im Gegenzug wurde die Zahl der Ärzte erhöht, wie unter

anderem Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz immer

wieder beklagt. Bei der wenig lukrativen Pflege am Bett werden die

Patienten bei einfachen Angelegenheiten wie Körperpflege oder

Toilettengang unterstützt.

 

Allerdings können durch die Vernachlässigung der Pflege am Bett viele

Folgekrankheiten entstehen, vor allem das Wundliegen (Dekubitus). Das

treibt dann wiederum die Behandlungskosten in die Höhe.

 

Personalmangel und hoher Zeitdruck ist auch ein wesentlicher Grund

für mangelnde Hygiene, etwa bei der Händedesinfektion. Dies kann zu

Krankenhausinfektionen und damit letztlich zu den gefürchteten

Keimresistenzen führen, gegen die kaum ein Antibiotikum mehr hilft.

 

Zu wenig Personal und zu wenig Zeit führt zu Vernachlässigung in den

Pflegeheimen. Gerade ältere Menschen brauchen aber mehr

Aufmerksamkeit - etwa beim Essen anreichen, beim Anziehen oder beim

Gehen. Und die Situation dürfte sich verschärfen. Derzeit sind 2,8

Millionen Menschen auf ambulante und stationäre Pflege angewiesen.

Bis 2030 könnte sich die Zahl um knapp eine weitere Million auf rund

3,6 Millionen Menschen erhöhen.

 

Kommt der Staat seinem Schutzauftrag nach Artikel 1 nach?

 

Er versucht es zumindest. Kanzlerin Merkel verwies auf die drei

Pflegereformen von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) in dieser

Legislaturperiode. Durch die Gleichbehandlung von Demenz mit

körperlichen Behinderungen und eine genauere Einstufung der

Pflegebedürftigkeit schaffen diese Reformen Verbesserungen für mehr

betroffene Menschen. Zudem wurden die Pflegebeiträge von 2,05 auf

2,55 Prozent vom Bruttogehalt angehoben. Doch die Pflegeversicherung

ist nur eine Teilkaskoversicherung. Sie zahlt nicht alles.

 

Zudem stellt der Bund über das Krankenhausstrukturgesetz für die

Pflege am Bett in den nächsten Jahren zusätzliche Milliarden zur

Verfügung. Gröhe verpflichtete auch die Krankenhäuser, einen

Mindestpersonalschlüssel für die Pflege festzulegen. Doch das Geld

nützt nichts, wenn das Pflegepersonal fehlt. Das «alternde

Deutschland» braucht in den nächsten 10 bis 20 Jahren pro Jahr

zusätzlich etwa 20 000 Pflegekräfte.

 

Was tut der Staat gegen den Pflegenotstand?

 

Die Bundesregierung hat durch eine Reform der Pflegeausbildung

versucht, die Pflegeberufe attraktiver zu machen. Die

Vereinheitlichung der Ausbildung in den ersten beiden Jahren soll vor

allem für bessere Einkommen in der Altenpflege sorgen. Die Wirkung

muss sich aber in den kommenden Jahren erst noch zeigen.

 

Gröhe beklagte jetzt in der «Rheinischen Post» (Dienstag) große

Lohnunterschiede und zu niedrige Löhne in der Altenpflege. Es sei

auffällig, dass in Baden-Württemberg und Bayern eine Altenpflegekraft

im Schnitt 2900 Euro im Monat verdiene, während sie in Sachsen-Anhalt

nicht einmal auf 2000 Euro komme. «Wir werden den Dienst am Menschen

besser vergüten müssen: Altenpfleger müssen mehr verdienen.» 

 

Zudem gibt es Programme der Bundesregierung, Pflegekräfte aus Europa,

aber auch aus Übersee wie den Philippinen anzuwerben. Die Erfolge der

schon seit einigen Jahren laufenden Programme sind aber eher gering.

Es hapert oft an der Sprache - und am Heimweh.

 

Reicht das?

 

Ganz offensichtlich nicht. Dass es besser geht, zeigt ein

internationaler Vergleich von 2012 («aerzteblatt.de»): Demnach kommen

in den USA durchschnittlich 5,3 Patienten auf eine Pflegefachkraft,

in den Niederlanden sind es sieben Patienten, in Schweden 7,7, in der

Schweiz 7,9 und in Deutschland sind es 13 Patienten pro

Pflegefachkraft.