Agenturmeldungen

Endstation Hoffnung - Methadon-Streit entzweit Krebskranke und Ärzte

12.09.2017

Berlin (dpa) - Methadon. Das Mittel ist bekannt als Drogenersatz, den

Abhängige für den Weg aus der Sucht bekommen. Doch seit einiger Zeit

macht die Substanz Karriere als angebliches Hilfsmittel in der

Krebstherapie. Zu schön, um wahr zu sein? Experten mehrerer

Fachrichtungen haben in den vergangenen Monaten auf eine sehr dünne

Studienlage hingewiesen, vor verfrühten Hoffnungen und Nebenwirkungen

gewarnt. Sie rieten klar vom Einsatz des Schmerzmittels in der

Tumortherapie ab. Doch bei vielen der oft höchst verzweifelten

Patienten stoßen die Warnungen auf taube Ohren. Sie wenden sich

Ärzten zu, die Methadon verschreiben. Schwere Verläufe und ein

Todesfall sind die Folge, wie kürzlich das «Ärzteblatt» berichtete.

 

Der Ansturm auf Methadon begann vor Monaten mit TV-Berichten über die

Chemikerin Claudia Friesen vom Institut für Rechtsmedizin der Uni

Ulm. Sie hatte Methadon in Zellkulturen und Tierversuchen getestet

und brachte es als möglichen Wirkverstärker für Chemotherapien ins

Gespräch. Ihre Versuche entsprechen einer sehr frühen, von der

Öffentlichkeit meist unbemerkten Phase der Forschung, die keine

Aussagekraft zur Wirksamkeit beim Menschen hat. Forscher weltweit

suchen nach Wirkstoffen gegen Krebs - selbst das Zika-Virus ist dabei

aktuell im Gespräch. Doch ob sich solche Ideen am Ende als Therapie

bewähren, steht auf einem völlig anderen Blatt.

 

Friesens Forschung fand auch deshalb früh Aufmerksamkeit, weil es

Patienten gibt, bei denen eine Besserung durch Methadon beobachtet

worden sein soll. Selbst wenn dem so war: Solche Einzelfälle gelten

in der Medizin keinesfalls als Beweis. Vielmehr sind große,

systematisch angelegte Studien nötig, in denen die Wirksamkeit eines

Medikaments im Vergleich zu einem Placebo getestet wird.

 

Doch die klassischen Regeln der Wissenschaft spielen in der Debatte

um Methadon nur noch am Rande eine Rolle. Friesen sagt, sie bekomme

inzwischen 200 bis 1000 Anfragen von Ärzten und Patienten pro Tag,

während eines Telefonats mit ihr klingeln permanent Telefone. Bei

Youtube finden sich hundertausendfach angeklickte Videos mit Titeln

wie: «Diese Frau findet ein Mittel gegen Krebs - doch die

Pharmaindustrie zerstört den Traum». Eine Behauptung ist, dass der

vergleichsweise niedrige Preis von Methadon der weiteren Erforschung

im Weg stehe. Involvierte Forscher werfen sich zudem gegenseitig

Interessenskonflikte vor.

 

Die Folgen zeigen sich in Kliniken. Ärzte berichten von einem

Methadon-Hype: Sie würden mit Anfragen zu Methadon überrannt und

unter Druck gesetzt, das Mittel in der Tumortherapie einzusetzen.

Jegliches Vertrauen scheint dahin. «Wir sehen mit Schrecken, was hier

passiert», sagt der Palliativmediziner Sven Gottschling vom

Universitätsklinikum Homburg/Saar der Deutschen Presse-Agentur. In

seiner Klinik hätten schon mehrere schwierige Fälle mit Überdosen

behandelt werden müssen. Ein Patient habe seinen Hausarzt zur

Verschreibung überredet und Dosierungsempfehlungen auf eigene Faust

aus dem Internet geholt.

 

Ein Bericht des Schweizer Senders SRF, wonach Ärzte auch dort

vermehrt mit solchen Notfällen zu tun haben, stützt Gottschlings

Angabe, wonach bundesweit von solchen Fällen auszugehen ist. Der Arzt

hat zudem beobachtet, dass manche Patienten inzwischen Methadon an

sich für ein Krebsmittel hielten und ihre bisherige Therapie

aufgäben. Friesen legt Wert darauf, das Mittel als möglichen

Wirkverstärker der Chemotherapie ins Gespräch gebracht zu haben.

 

Die Überdosen begründen Experten zum einen damit, dass die

kursierenden Empfehlungen zur Dosierung relativ hoch seien. Hinzu

kommt: Methadon werde von Mensch zu Mensch unterschiedlich schnell

abgebaut, so Gottschling. Schmerzmediziner sprechen von einer

problematischen Substanz, die nicht leichtfertig verschrieben werde.

Mögliche Nebenwirkungen wie Verstopfung, Übelkeit und Angst würden

bisher in der Debatte verharmlost.

 

Unter anderem dem Problem der Dosierung will Wolfgang Wick von der

Uniklinik Heidelberg und dem Deutschen Krebsforschungszentrum

nachgehen. Der Neuroonkologe hat eine Studie beantragt, um die

Auswirkungen von Methadon und bereits zugelassenen Medikamenten in

Ergänzung zur Chemotherapie auf das Tumorwachstum bei Patienten mit

neu diagnostizierten Hirntumoren zu erproben. «Kurz gesagt wollen wir

prüfen, ob man im Menschen die nötigen Wirkspiegel erreichen kann, ob

das verträglich und dann auch effektiv gegen den Tumor ist», sagt

Wick. Es handle sich um eine sehr frühe Phase, betont er. Mit

einem Start sei frühestens Mitte 2018 zu rechnen. 

 

Chemikerin Claudia Friesen vermittelt bei Anfragen an ein Netzwerk

von Ärzten, die Methadon als Schmerzmittel einsetzten, wie sie

erklärt. Zu den im «Ärzteblatt» beschriebenen problematischen

Verläufen erklärt sie, dies zeige Wissenslücken bei Ärzten. Auch

halte sie die Fälle teils für unzureichend dokumentiert, teils für

Behandlungsfehler. Den Vorwurf, falsche Hoffnungen geweckt zu haben,

weist sie zurück. Jede Therapie brauche Hoffnung. Von Versprechen auf

Heilung habe sie sich stets distanziert.

 

Und die Patienten und ihre Angehörigen? Aussagen von Ärzten nach zu

urteilen, haben sich Misstrauen und Verunsicherung breitgemacht.

Mediziner Sven Gottschling sucht einen Mittelweg zwischen verhärteten

Fronten. Sprechstunden zum Thema Methadon mit Beratungen zur Frage,

ob es als Schmerzmittel und «letzter Anker» in Frage komme, seien

geplant. Sein großer Wunsch: «Man muss es differenzierter

betrachten».