Agenturmeldungen

Müdes Deutschland: Schlafstörungen quälen Millionen

14.06.2017

Trauma statt Traum: Immer mehr Deutsche leiden unter Schlaflosigkeit
- mit schlimmen Folgen. Zugleich werden an der Sehnsucht nach
Bettruhe Milliarden verdient. Guter Schlaf gilt manchem gar als
Status-Symbol.

Ulm (dpa) - Ruhelose Nächte, zermürbendes Schnarchen, immer wieder
Atemaussetzer und morgens fühlt man sich wie gerädert. Wenn dagegen
nichts anderes hilft, kommt vielleicht ein Hightech-Produkt in Frage:
ein Zungenschrittmacher. «Der wird im Brustbereich implantiert und er
aktiviert - wann immer nötig - über ein Kabel den Zungennerv», sagt
Professor Jörg Lindemann (45), Leiter des Schlaflabors der Uniklinik
Ulm. «Die Zunge schiebt sich vor, der Atemweg wird frei und der
Patient kann durchschlafen.» Ein Allheilmittel sei der teure
Zungennervantreiber jedoch nicht. «Er eignet sich aus medizinischer
Sicht nur für sehr wenige Patienten.» Millionen andere suchen weiter
Hilfe - und es werden immer mehr.

«Schlafstörungen sind in unserer modernen Industriegesellschaft auf
dem Vormarsch», warnt die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung
und Schlafmedizin (DGSM). Vor ihrem «Aktionstag für erholsamen
Schlaf» am Mittwoch (21. Juni) verweist sie auf eine Studie der
Krankenkasse DAK: Demnach haben seit 2010 Schlafstörungen bei
Berufstätigen im Alter zwischen 35 und 65 Jahren um 66 Prozent
zugenommen. Vier von fünf Arbeitnehmern fühlen sich derzeit
betroffen.

Zu den Folgen gehört der Sekundenschlaf am Steuer. «Schläfrigkeit
stellt eine häufigere tödliche Unfallursache im Straßenverkehr dar
als das Fahren unter Alkohol», sagt DGSM-Vorstandsmitglied
Hans-Günter Weeß vom Interdisziplinären Schlafzentrum in
Klingenmünster (Rheinland-Pfalz). Beinahe die Hälfte der
Erwerbstätigen ist laut DAK-Studie bei der Arbeit müde, knapp ein
Drittel gar erschöpft. Die Kosten des Produktionsausfalls durch
Fehltage wegen Schlafstörungen berechnete die US-Denkfabrik Rand
Corporation 2016 für die deutsche Wirtschaft mit 60 Milliarden Euro.

Dem Problem beizukommen sei schwierig, sagt Professor Lindemann vom
Ulmer Schlaflabor - einem von inzwischen mehr als 300 in Deutschland.
Die Ursachen seien vielfältig und im Zuge der Digitalisierung kämen
neue hinzu. Einigen Menschen könne zwar durch operative Erweiterungen
der Atemwege geholfen werden, etwa die Entfernung der Gaumenmandeln.
«Doch oft geht es bei Schlaflosigkeit um selbst gemachte Probleme aus
der Gesellschaft heraus.»

Nur eines von vielen sei, dass Menschen sich zu lange dem
Monitorlicht am PC, Tablet oder Smartphone aussetzen. «Wenn der
Körper keine Dunkelheit verspürt, wird die Ausschüttung des Hormons
Melatonin vermindert, das wichtig ist für das Einschlafen», sagt
Lindemann. Besonders bei Jugendlichen beklagen Experten einen «quasi
willentlichen Schlafentzug mittels Handy»: Laut DGSM zeigen Studien,
dass 45 Prozent der 11- bis 18-Jährigen ihr Smartphone auch noch im
Bett checken, davon 23 Prozent mehr als zehn Mal pro Nacht. 

Besonders traurig findet Lindemann das Schicksal von Patienten, die
sich «im teuflischen Kreislauf» befinden: Abends Medikamente zum
Einschlafen, morgens Medikamente zum Wachwerden, tagsüber zum
Fitbleiben und am Abend wieder zum Einschlafen. «Das ist dann nur ein
künstlicher Schlaf. Den natürlichen Tiefschlaf, den der Körper zur
Erholung braucht, kann man nicht durch Medikamente herstellen.»

Deshalb empfiehlt die DGSM insbesondere den Hausärzten, vor der
Verschreibung von Schlafmitteln Möglichkeiten einer auf
Ursachenerkennung beruhenden kognitiven Verhaltenstherapie zu prüfen.
In ihren Leitlinien betont die Gesellschaft, der 2500 Mediziner,
Psychologen und Naturwissenschaftler angehören, dass es nicht um
Schlaf schlechthin, sondern um erholsamen Schlaf geht.

Beklagenswert sei, dass gesunder Schlaf «in unserer modernen
24-Stunden-Gesellschaft nicht hip, sondern eher verpönt ist». So
würden Führungskräfte immer noch als tüchtig gelten, wenn sie nur
wenig Schlaf benötigten. Auf diesem Gebiet hat allerdings ein
Umdenken begonnen. Die «New York Times» titelte kürzlich: «Schlaf ist
das neue Statussymbol».

Der nimmermüde Manager, dem ein paar «Power Naps» genügen, hat als
Vorbild ausgedient. Im Trend liegt hingegen Amazon-Gründer Jeff
Bezos. Als junger Programmierer soll er sich ein Kissen neben den
Computer gelegt haben. Nun wird er mit dem Spruch zitiert, es sei gut
für seine Aktionäre, wenn er seinen Acht-Stunden-Schlaf bekomme.

Guter Schlaf sei heute «ein Maßstab für Erfolg», sagt Marian
Salzmann, Nordamerika-Chef der weltweit tätigen PR-Firma Havas. Der
Trend zum «Vorzeige-Schlaf» kann aber auch zum Druck werden. Und er
beflügelt den milliardenschweren weltweiten Schlafhilfen-Markt. Zu
teuren Supermatratzen, Aromakerzen und CDs mit Wellenrauschen, Tees
und Cremes kommen immer neue Produkte. Darunter jede Menge Apps.

«Das ist oft reines Geldschneiden», meint Lindemann. «Eine App kann
zwar aufzeichnen, wann und wie oft jemand schnarcht oder sich im Bett
umdreht. Insofern können manche Apps nützlich sein. Aber warum jemand
schlecht schläft und wie dann vielleicht geholfen werden kann, lässt
sich am besten durch die Beobachtung des Patienten in einem
medizinischen Schlaflabor ermitteln.»