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Top-Forscherinnen warnen vor Eingriffen in den Genpool

14.03.2016

Frankfurt/Main (dpa) - Die Entwicklerinnen einer «Genschere» für Eingriffe ins Erbgut lehnen Veränderungen am Genpool des Menschen strikt ab. «Das Verfahren sollte nur benutzt werden, um Patienten zu behandeln, aber nicht für die Manipulation menschlicher Keimbahnen», sagte die Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier am Montag in Frankfurt. Die Französin arbeitet am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. Zusammen mit der US-Amerikanerin Jennifer A. Doudna sollte sie am Abend mit dem Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2016 ausgezeichnet werden.

Die mit insgesamt 100 000 Euro dotierte Ehrung gilt als eine der bedeutendesten Auszeichnungen, die in Deutschland auf dem Gebiet der Medizin vergeben werden. Am Festakt in der Paulskirche wollte auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) teilnehmen. Beide Forscherinnen gelten als Anwärterinnen für den Nobelpreis.

Charpentier (47) und Doudna (52) werden geehrt für die radikale Vereinfachung eines gentechnischen Verfahrens, das wissenschaftlich CRISPR-Cas9 heißt und mit dem Wort «Genschere» umschrieben wird. «Mit diesem Präzisionswerkzeug können Gene mühelos und mit großer Genauigkeit bearbeitet werden», begründete der Stiftungsrat seine Entscheidung. Das Verfahren könne helfen, Erbkrankheiten zu heilen oder Krankheitserreger auszurotten, es mache aber auch Eingriffe in das Erbgut des Menschen leichter und ist damit ethisch umstritten.

Seit Charpentier und Doudna 2012 ihre Erkennnisse publizierten, sind Tausende Publikationen zu dem Thema erschienen. Die Entwicklerinnen wurden mit Ehrungen überhäuft. Die amerikanische Biochemikerin Doudna forscht und lehrt an der University of California in Berkeley.

Zu Beginn ihrer Zusammenarbeit hätten sie nicht die Erfindung eines Werkzeugs für «genome editing» im Sinn gehabt, sagten die Preisträgerinnen. Sie hätten verstehen wollen, wie sich Bakterien vor Angreifern schützen. Die Auszeichnung sehen sie als Plädoyer für die Wichtigkeit der Grundlagenforschung.

Inzwischen habe sich gezeigt, dass CRISPR-Cas9 einen breit gefächerten Nutzen haben könne, sagte Doudna, etwa in Biotechnologie, Medizin und Landwirtschaft. «Das Editieren der menschlichen Keimbahn für klinische Zwecke» lehnt auch sie ab. Die Anwendung solle sich auf somatische Zellen beschränken.

Den mit 60 000 Euro dotierten Nachwuchspreis erhält Claus-Dieter Kuhn von der Universität Bayreuth. Er erforscht, welche Rolle Ribonukleinsäuren bei der Regung zellulärer Prozesse spielen.