Der Klimawandel trifft unsere Arbeitswelt mit voller Wucht. Das ist keine ferne Bedrohung mehr, sondern die Herausforderungen sind Realität. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Extremwetterereignisse und Umweltkatastrophen wie im Ahrtal. Wir reden vom Einfluss auf unser direktes, unmittelbares Umfeld. Dort, wo wir die meiste Lebenszeit verbringen: An unseren Arbeitsplätzen! Die Folgen des Klimawandels machen selbstverständlich nicht vor Werkstoren, Bürotüren oder Arbeitsstätten halt. Diese Realität verlangt nach neuen Ansätzen und durchdachten Anpassungsstrategien. Unternehmen benötigen heute resiliente Strukturen für und mit gesunden Beschäftigten, die auf die Folgen der Klima- und Umweltkrise vorbereitet sind und selbst nicht weiter zu deren Verschärfung beitragen.

Um das Ausmaß der Herausforderung für unsere Arbeitswelt zu begreifen, genügt eine einzige Zahl aus nur einem Teilbereich: Hitze am Arbeitsplatz. So kalkulierte das renommierte Journal The Lancet für Deutschland im Jahr 2021 den hitzebedingten Ausfall von 21 Millionen Arbeitsstunden. Das mag auf den ersten Blick mit einem geschätzten Anteil von rund 0,4 Prozent an den krankheitbedingten Fehlstunden wenig erscheinen, ist aber wirtschaftlich für bestimmte, stark betroffene Branchen bedeutsam. Und das ist erst der Anfang der Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Umwelt und wird zunehmen: Eine Umfrage der Techniker Krankenkasse im Rahmen ihres Gesundheitsreports 2025 „Macht das Wetter krank? Der Einfluss des Klimawandels auf die Arbeitswelt“ macht die Problematik deutlich: An Hitzetagen schnellen die AU-Zahlen auf das Doppelte hoch und bereits 60 Prozent der Befragten geben an, dass der Klimawandel ihren Arbeitsplatz und ihre Gesundheit beeinflusst (hat).
Dies deckt sich mit dem erst Ende August von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlichten Bericht „Climate change and workplace heat stress: technical report and guidance“. Dieser gibt einen Überblick über Erkenntnisse und Leitlinien zur wachsenden Herausforderung von Hitzestress am Arbeitsplatz und den damit verbundenen Gesundheits- und Produktivitätsrisiken für Beschäftigte im Kontext des Klimawandels. Besonders hart trifft es erwartungsgemäß die sogenannten „Outdoor-Berufe“. In Deutschland arbeiten je nach Definition immerhin bis zu sieben Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in witterungsabhängigen Jobs. Aber auch Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser und Pflegeheime sind davon betroffen. Ebenso Werkshallen und Bürogebäude.
Wie Dr. Eckart von Hirschhausen, Gründer der Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen, sehr prägnant formuliert, gibt es „gesunde Menschen […] nur auf einer gesunden Erde." Diese Erkenntnis wirft nun auch im Arbeitskontext eine entscheidende Frage auf: Was können oder müssen Betriebe und Unternehmen tun, um gesunde Beschäftigte zu haben und dabei gleichzeitig so nachhaltig unternehmerisch zu handeln, dass sie nicht zur Verschärfung des Klimawandels beitragen.
Zwei Themen, aber ein Ziel
Ein wegweisender Ansatz kommt aus der binationalen Kooperation zwischen dem BKK Dachverband und dem „Fonds Gesundes Österreich“. In einem Wissensband haben Expertinnen und Experten der Hochschule Burgenland erstmals systematische Qualitätskriterien für die strategische Verknüpfung von Betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF) und Nachhaltigkeit entwickelt. Diese eröffnen wertvolle Synergien für die Unternehmen und Betriebe. Denn im Gegensatz zum starren Silodenken einzelner Bereiche, stärkt die intelligente gemeinsame Betrachtung der Bereiche nicht nur die Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitenden und fördert eine gesunde Unternehmenskultur, sondern sie unterstützt auch die Erfüllung gesetzlicher Anforderungen wie die Nachhaltigkeitsberichtspflicht gemäß der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD). Win-win pur.
Es geht dabei aber um weit mehr als nur die ökologische Verantwortung: Im Fokus stehen soziale Gerechtigkeit und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen. Diese fördern insgesamt die Resilienz, die Innovationskraft und auch die Attraktivität von Unternehmen nachhaltig und messbar.
Wissenschaftlich fundiert, von Unternehmen erprobt
Die bereits genannten Qualitätskriterien umfassen dabei folgende konkrete Maßnahmen zur Zielerreichung:
- Ein ressourcenschonendes Arbeitsumfeld: Strategische Gestaltung klimafreundlicher Arbeitsbedingungen
- Faire und inklusive Personalpolitik: Soziale Nachhaltigkeit als unverhandelbares Führungsprinzip
- Gesundheitsfördernde Führung: Achtsame Führungskultur als unverzichtbare Grundlage
- Transparente Kommunikation: Konsequent offener Dialog über Nachhaltigkeitsziele
Das heißt, der Aspekt der Nachhaltigkeit wird im Unternehmen selbst systematisch um Parameter wie Chancengleichheit, Vielfalt, Teilhabe, Transparenz, Effizienz und Gesundheit erweitert. Die sogenannten ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) dienen dabei als präzise Leitlinie für die stetige Weiter- und Unternehmensentwicklung.
Um sicherzustellen, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse praxistauglich sind, waren an dem Vorhaben mehrere Unternehmen aus Österreich und Deutschland beteiligt. Verantwortliche aus den Bereichen BGM, Nachhaltigkeit und HR gaben hierfür wertvolle Rückmeldungen.
Der Wissensband richtet sich gezielt an Präventionsfachkräfte und zeigt auf, wie die teilweise komplexen Wechselwirkungen zwischen Umwelt, Klima und Gesundheit erfolgreich in der betrieblichen Praxis umgesetzt werden können. Dabei kristallisieren sich drei zentrale Handlungsfelder heraus, die es ermöglichen, betriebliche Maßnahmen zu reflektieren, gegebenenfalls anzupassen und weiterzuentwickeln.
- Ernährung und Bewegung: Klimafreundliche Mobilitätsangebote und nachhaltige Ernährung in der Kantine verbinden Gesundheitsförderung mit aktivem Umweltschutz intelligent miteinander. in den Werkskantinen von Mercedes-Benz gibt es beispielsweise bereits heute Planetary Health Diet-Angebote.
- Mentale Gesundheit und Führungskultur: Achtsame Führung und die strategische Integration von Nachhaltigkeit in die Unternehmenskultur schaffen psychisch gesunde Arbeitsplätze und fördern dauerhaft die Mitarbeiterbindung.
- Betrieblicher Hitzeschutz: Klimaresiliente Unternehmen bereiten sich systematisch und vorausschauend auf die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels vor. Dabei können die Beschäftigten „mitgenommen“ werden und sich kreativ einbringen. Projekte der Betriebskrankenkassen mit Pflegeeinrichtungen zeigen eindrucksvoll, dass die Beschäftigten selbst starke und hoch motivierte Treiber sind.
Innovation in der Kommunikation
Gerade die Beschäftigten, die die Maßnahmen letztlich umsetzen, sind das Potenzial von Unternehmen und Betrieben. Auch hierbei kann man neue Wege gehen. Das Projekt "Gesunde Erde - Gesunder Job" der Stiftung Gesunde Erde – Gesunde Menschen entwickelt neue Ansätze in der Klima- und Gesundheitskommunikation direkt im Betrieb. Zielgruppengerechte Schulungsangebote (Train-the-Trainer) mit Verantwortlichen und Entscheidungsträgern aus verschiedenen Geschäftsbereichen – von der Gesundheitsförderung über Nachhaltigkeit bis zur Personalentwicklung – helfen dabei, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln. Eine breite Akzeptanz auf allen Ebenen, wie Maßnahmen durchgeführt werden und Arbeitsprozesse mitgestaltet werden können, ist essentiell für den Erfolg. Denn niemand setzt sich mit Nachdruck für Dinge ein, wenn er nicht von deren Wichtigkeit und Sinnhaftigkeit überzeugt ist. Das Ziel muss daher sein, planetare Gesundheit verständlich, überzeugend und aktivierend zu kommunizieren, damit sowohl Mitarbeitende als auch Entscheidungsträger ins Handeln kommen und festgelegte (Zwischen)Ziele konsequent verfolgen.
Der Weg in die Zukunft
Die vorgestellten Ansätze und Ideen sind theoretisch fundiert und praxiserprobt, sodass sie umsetzbar sind. Unternehmen, die bereit sind, mutig umzudenken und auf den ersten Blick möglicherweise unkonventionelle Maßnahmen umzusetzen, profitieren von einem strukturierten Orientierungsrahmen. Dieser ermöglicht es ihnen, Maßnahmen kritisch zu reflektieren und strategisch weiterzuentwickeln.
Die Botschaft ist klar: Wer Gesundheit und Nachhaltigkeit zusammen denkt, gestaltet zukunftsfähige Arbeitsplätz und trägt aktiv zu einer gesünderen und lebenswerteren Welt bei.
Dabei sollten die sinnstiftenden Aspekte keinesfalls außer Acht gelassen werden, da sie eine zentrale Rolle für die Arbeitszufriedenheit und die Identifikation mit dem Unternehmen spielen. Diese Verbindung lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten.
Die allermeisten Menschen haben per se ein grundlegendes Bedürfnis nach Sinnhaftigkeit in ihrem Handeln. Das heißt wenn Beschäftigte ihre Arbeit als bedeutungsvoll erleben, steigt ihre intrinsische Motivation dadurch erheblich. Sie arbeiten dann nicht nur für eine abstrakte externe Belohnung, sondern aus einem inneren Antrieb heraus. Sie setzen ihre Fähigkeiten gezielt ein, um Ziele zu erreichen, was die Arbeitszufriedenheit stärkt und auch zu einer Art emotionalen Bindung zur Tätigkeit führen kann.
Insgesamt steigen dadurch das Engagement und die Einsatzbereitschaft, wenn Aufgaben als Teil einer „größeren Mission“ betrachtet werden. Gleichzeitig führt dies zu einer signifikant geringeren Fluktuation, reduziert den Stress am Arbeitsplatz, stärkt das Wir-Gefühl im Unternehmen, fördert die Kreativität und vor allem auch die Wahrnehmung, dass die eigene Arbeit einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leistet – sei es durch Umweltschutz, Gesundheitsförderung oder soziale Gerechtigkeit. All das zahlt wiederum auf die Gesundheit der Beschäftigten ein.
Das ist kein „nice to have“, sondern perspektivisch ein entscheidender Faktor für nachhaltigen Unternehmenserfolg und Mitarbeiterzufriedenheit. Unternehmen, die dies erkennen und aktiv fördern, haben einen deutlichen Wettbewerbsvorteil im Kampf um Talente und bei der strategischen Mitarbeiterbindung.
BKK-Projekte betriebliche Gesundheitsförderung und Nachhaltigkeit
Im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe BKK INNOVATIV stellten wir Ihnen am 25.09.2025 in der Hybrid-Veranstaltung “BGM und Nachhaltigkeit zusammengeführt – Lösungen für Unternehmen” folgende drei Ansätze von Nachhaltigkeit und planetarer Gesundheit im betrieblichen Setting vor:
Argumente, Qualitätskriterien und Praxisanregungen zur Verknüpfung der beiden Themen im Setting Betrieb.
In einer binationalen Kooperation vom BKK Dachverband und dem Fonds Gesundes Österreich wurde die Expert:innen der Hochschule Burgenland damit beauftragt, einerseits Chancen und Herausforderungen bei der Verknüpfung beider Themen aufzuzeigen, andererseits ein systematisches und strukturiertes Umsetzungskonzept zur Verfügung zu stellen, das aus Qualitätskriterien und Praxisanregungen besteht. Dies soll die schrittweise Verknüpfung von BGF und ganzheitlicher Nachhaltigkeit im Betrieb ermöglichen. Erstmalig wurde damit der Qualitätsaspekt in der systematischen Verbindung beider Themen eingeführt. Um die Praxisrelevanz zu gewährleisten wurden Unternehmen aus D und AU inhaltlich eingebunden (Interviews, Austauschrunden, Feedback-Schleifen).
Aufbau: Begriffsdefinitionen, Theorien und Konzepte (umfassende wissenschaftliche Ananlyse), Argumentarium, Step by step Anleitung (Qualitätskriterien und Praxisleitfaden)
Zielgruppe: Präventionsfachkräfte im betrieblichen Setting
Was leistet die Publikation?: eine auf wissenschaftlicher Grundlage basierte und praxisgeprüfte Qualitätsorientierung in der Verbindung der Themen BGF und Nachhaltigkeit, zudem Leitfaden für die Umsetzung. Die fundierteste Publikation bis dato im Themenfeld.
Präventionsfachkräfte im betrieblichen Setting.
Der Leitfaden zielt darauf ab, die Verknüpfungen zwischen planetarer und menschlicher Gesundheit darzustellen sowie die Herausforderungen und Chancen auszuführen, die sich daraus für die betriebliche Gesundheitsförderung ergeben können. Dabei werden konkrete Ansätze zur Integration in die Beratungstätigkeit aufgezeigt. Ziel ist es, Fachkräfte für betriebliche Prävention dazu zu befähigen, ein umfassendes Verständnis für die Wechselwirkungen zwischen Umwelt, Klima und Gesundheit, also für planetare Gesundheit, zu entwickeln und dieses Wissen effektiv in ihre Arbeit einzubeziehen.
Aufbau: gesundheitliche Auswirkungen planetarer Krisen, planetare Gesundheit in der BGF, ins Handeln kommen, Handlungsfelder (je mit Bsp. und weiterführenden Lesetipps): Ernährung, Bewegung, mentale Gesundheit, Führungskultur, Betriebl. Hitzeschutz
Zielgruppe: Präventionsfachkräfte im betrieblichen Setting
Was leistet die Publikation?: Information und erste Umsetzungsideen. Gibt breiten Überblick über die Herausforderungen planetarer Krisen auf die menschliche Gesundheit und beschreibt zentrale Handlungsfelder in der BGF.
Kommunikationsworkshops zu planetarer Gesundheit als Maßnahme betrieblicher Gesundheitsförderung.
Das Projekt entwickelt ein zielgruppengerechtes Schulungsangebot (Train-the-Trainer) im Bereich der Klima- und Gesundheitskommunikation für betriebliche Akteure. Um planetare Gesundheit im Unternehmen tatsächlich verankern zu können, sollen Verantwortliche aus verschiedenen Geschäftsbereichen zusammenarbeiten (z.B. Gesundheitsförderung & Arbeitsschutz, Nachhaltigkeit, Personalentwicklung), zu einem gemeinsamen Verständnis der dem Konzept der planetaren Gesundheit innewohnenden Vorteile und Zusammenhänge kommen und diese verständlich, überzeugend und aktivierend kommunizieren, damit Mitarbeitende und Entscheider:innen in den Unternehmen ins Handeln kommen.
Evaluation durch das Institute for Plenatary Health Behaviour (IPB), Uni Erfurt.
www.gesunde-erde-gesunder-job.de
Zielgruppe: betriebliche Akteure aus unterschiedlichen Bereichen
Was leistet das Projekt?: Durch ein Workshop-Konzept in Verbindung mit einer Broschüre und einer begleitenden Website soll die Förderung klimagesunden Verhaltens als Bestandteil der Betrieblichen Gesundheitsförderung mit Bezügen zur Nachhaltigkeitsstrategie in Unternehmen verankert werden können.
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