Patient Journey

Mein Nierenkompass: Früherkennung chronischer Nierenkrankheiten durch gezielte Identifikation von Risikopatienten

Chronische Nierenkrankheiten (CKD) bleiben häufig über Jahre unerkannt, obwohl bereits frühe Diagnostik und leitliniengerechte Therapie das Fortschreiten der Krankheit sowie kardiovaskuläre Folgeerkrankungen wirksam reduzieren können. Das gemeinsame Pilotprojekt der Betriebskrankenkassen verfolgt daher das Ziel, Risikopatientinnen und Risikopatienten frühzeitig zu identifizieren und durch einen strukturierten Versorgungsansatz die CKD-Diagnostik und Versorgung zu verbessern.

Ein Frau fasst sich an die Nieren, weil sie Schmerzen hat

Über das Projekt

Das Pilotprojekt wurde im Netzwerk der Betriebskrankenkassen unter Einbindung ausgewiesener medizinischer und wissenschaftlicher Expertise 
entwickelt:

  • Charité Universitätsmedizin Berlin, Prof. Dr. Elke Schaeffner
  • Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Prof. Dr. Schulte
  • Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Prof. Dr. Schiffer
  • Dialysezentrum Rendsburg, Prof. Dr. Feldkamp
  • Bundesverband Niere - Nicole Scherhag 

Die Pilotierung erfolgt bei:

  • SBK Siemens-Betriebskrankenkasse
  • Bahn BKK
  • Novitas BKK

Im Rahmen der Pilotphase erhalten rund 5.000 Versicherte mit erhöhtem CKD-Risiko pro Pilotkasse ein freiwilliges und kostenfreies Angebot zur Bestimmung des Urin-Albumin-Kreatinin-Quotienten (UACR). Damit wird eine diagnostische Lücke adressiert, da die Albuminurie-Bestimmung trotz ihrer hohen prognostischen Bedeutung in der Routineversorgung häufig nicht erfolgt. Die aktuelle KDIGO-Leitlinie empfiehlt ausdrücklich die gemeinsame Bestimmung von eGFR und Albuminurie zur Früherkennung von CKD.

Grafik mit Text zur Problemstellung

Die Projektbausteine

Anhand eines Machine Learning Analysemodells werden Versicherte mit einer bislang nicht diagnostizierten CKD, welche ein hohes Risiko haben, innerhalb der nächsten vier Jahre an einer CKD zu erkranken bzw. bereits erkrankt sind, identifiziert. Unser Modell wurde mittels Medical Feature Engineering auf Grundlage von GKV Routinedaten erstellt. Die Datenauswertung und Kontaktaufnahme erfolgt auf Grundlage von § 68b SGB V und dient ausschließlich der gezielten Ansprache von Personen mit erhöhtem Erkrankungsrisiko.

Ziel: Frühzeitige Identifikation von Personen, die von einer leitliniengerechten Diagnostik profitieren können.

Die identifizierten Versicherten erhalten ein freiwilliges Angebot zur Durchführung eines UACR-Tests im häuslichen Umfeld. Die Untersuchung erfolgt über einen Selektivvertrag nach § 140a SGB X mit qualitätsgesicherter Laboranalyse.

Die aktuelle KDIGO-Leitlinie empfiehlt ausdrücklich die gemeinsame Bestimmung von eGFR und Albuminurie zur Früherkennung von CKD.

Die S3 Leitlinie „Versorgung von Patient*innen mit nicht-Nierenersatztherapiepflichtiger Nierenkrankheit in der Hausarztpraxis – Chronisch eingeschränkte Nierenfunktion in der Hausarztpraxis“ wurde 2024 aktualisiert. In der Kurzversion wird das Vorliegen eines Zufallsbefundes der Albuminurie als Auslöser für die Diagnostik einer CKD beschrieben. 2024-11-25_01vsf22011_cdkup_anlage_2_kurzversion-vorgehen-erstdiagnose.pdf

Ergebnis: Zertifizierter Laborbefund mit standardisierter Auswertung der Albuminurie als Entscheidungsgrundlage für den Hausarzt zum weiteren Vorgehen.

Die Versicherten werden über ihr Laborergebnis informiert. Bei auffälligem Ergebnis initiieren wir in einem Erstgespräch unserer Gesundheitsbegleiter*innen aktiv die sichernde Diagnostik in der behandelnden Hausarztpraxis. Dabei erhält die Hausärztin bzw. der Hausarzt folgende Informationen:

  • Laborbefund (wird dem Versicherten zur Verfügung gestellt)
  • Einordnung anhand aktueller Leitlinien
  • Kurzleitfaden zur weiteren Diagnostik

Ziel: Unterstützung der frühzeitigen Abklärung und Einleitung einer leitliniengerechten Versorgung.

Bei bestätigter CKD

Versicherte erhalten das Angebot einer freiwilligen einjährigen Gesundheitsbegleitung durch die Krankenkasse. Dabei stellen die Pilotkassen ihren Versicherten Gesundheitsbegleitungen an die Seite. Diese wurden in einer eigens für das Programm konzipierten Schulungsreihe medizinisch und kommunikativ optimal auf die Begleitungssituation vorbereitet.

Schwerpunkte:

  • Gesundheitskompetenz stärken
  • Therapieadhärenz fördern
  • Lebensstiloptimierung unterstützen
  • Motivation zur Wahrnehmung ärztlicher Kontrollen

Ziel: Das Empowerment der Versicherten

Bei nicht bestätigter CKD

Versicherte erhalten zielgruppengerechte Informationen zu:

  • Prävention chronischer Nierenkrankheit
  • Blutdruckkontrolle
  • Diabetesmanagement
  • Gewichtsreduktion
  • Bewegung und Ernährung

Ziel: Risikofaktoren frühzeitig positiv beeinflussen.

Qualitative Evaluation

Befragung teilnehmender Versicherter mit bestätigter Diagnose zu:

  • Gesundheitskompetenz
  • Krankheitsverständnis
  • Versorgungszufriedenheit
  • Lebensqualität

Quantitative Evaluation

Quasi-experimentelle Analyse von Routinedaten.

Primärer Endpunkte:

  • Neuverordnung nierenschützender Progressionshemmer (z. B. SGLT2-Inhibitoren)
Grafik mit Prozessdarstellung

FAQ

Die KDIGO-2024-Leitlinie betont, dass die Früherkennung einer CKD immer auf zwei Säulen beruhen sollte:

  1. Bestimmung der Nierenfunktion (eGFR)
  2. Bestimmung der Albuminurie (UACR) im Spontanurin

Beide Untersuchungen sollten insbesondere bei Personen mit erhöhtem Risiko erfolgen. Hierzu zählen insbesondere:

  • Diabetes mellitus
  • Arterielle Hypertonie
  • Kardiovaskuläre Erkrankungen
  • Adipositas
  • Familiäre Belastung
  • Höheres Lebensalter (> 60 Jahre)

Die KDIGO-Leitlinie weist ausdrücklich darauf hin, dass ein einzelner auffälliger Befund die Diagnose CKD noch nicht bestätigt. Die Persistenz der Veränderungen sollte in der Regel über mindestens drei Monate nachgewiesen werden.

Die Albuminurie ist häufig das früheste klinisch messbare Zeichen einer Nierenschädigung und besitzt einen hohen prognostischen Wert für:

  • CKD-Progression
  • kardiovaskuläre Ereignisse
  • Mortalität

Eine alleinige Betrachtung der eGFR führt dazu, dass viele Betroffene erst spät erkannt werden.

Weiterführende Literatur

Die Auswertung von über 195.000 Teilnehmenden der NAKO-Gesundheitsstudie zeigt eine erhebliche Diskrepanz zwischen objektiven CKD-Markern und bekanntem Diagnosewissen:

  • Über 80 % der Personen mit eGFR 30-59 ml/min/1,73 m² berichteten keine bekannte Nierenerkrankung.
  • 6.213 Personen (17,5 % der Kohorte) hatten auffällige eGFR- oder UACR-Werte ohne bekannte CKD-Diagnose.
  • Selbst bei schwerer Albuminurie (UACR > 300 mg/g) war weniger als die Hälfte der Betroffenen über eine Nierenerkrankung informiert. [aerzteblatt.de], [di.aerzteblatt.de], [mdc-berlin.de]

Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit strukturierter Screening- und Abklärungsstrategien für Risikopatienten. [aerzteblatt.de], [mdc-berlin.de]

Internationale Referenzleitlinie zur Diagnostik, Risikostratifizierung und Therapie chronischer Nierenkrankheit. [kdigo.org], [kidney-int...tional.org]

Kompakte Übersicht der Empfehlungen und Practice Points. [kdigo.org]

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