Wandel ist wichtig, aber bitte richtig!

Betriebskrankenkassen können sinnvollen Wandel

von Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK Dachverbandes

Sie lesen heute den Leitartikel der letzten Ausgabe des Magazins des BKK Dachverbandes. In den vergangenen rund zwölf Jahren haben wir Ihnen über das Magazin politische Positionen und innovative Impulse sowie viele Leuchtturmprojekte aus dem BKK System und Entwicklungen darüber hinaus näherbringen können. Das BKK Magazin ist etlichen von Ihnen ans Herz gewachsen – und das freut uns sehr. Doch auch wir stellen fest: Das Leseverhalten verändert sich und die Zahl der treuen Leser, die das BKK Magazin gedruckt lesen möchten, sinkt. Das ist für uns Anlass und Ansporn zugleich, neue Wege zu bestreiten und mit Ihnen künftig über andere Kanäle zu kommunizieren. Denn wir haben nach wie vor viel über den Tellerrand hinaus zu beobachten, Entwicklungen zu analysieren und von gelingender Prävention und Versorgung zu erzählen.

Plakat Kampagnenmotiv

Und zu erzählen gibt es mehr denn je, vor allem über Krankenkassen, die auf eine zum Teil über 300 Jahre lange Geschichte zurückblicken können. Sie sind aus der besonderen Verantwortung von innovativen Unternehmerinnen und Unternehmern aus allen nur denkbaren Branchen entstanden, die es sich zur Mission gemacht haben, ihre Mitarbeitenden gesund zu halten. Aus diesen „Fabrikkassen“, wie sie damals noch hießen, entwickelten sich die heutigen „Betriebskrankenkassen“. Viele dieser Betriebskrankenkassen tragen noch immer die Bezeichnung ihrer Gründungsbetriebe in ihrem Namen. Andere haben sich im Laufe der Zeit zusammengeschlossen. In ihrer DNA sind sie aber immer noch das, was sie damals waren: Kassen, die sich kümmern, die nah an ihren Versicherten und den Arbeitgebern dran sind. Und genau diese Nähe zu Versicherten und Betrieben ist es, die kundenfreundliche, schlanke und digital gestützte Strukturen und Prozesse in den Betriebskrankenkassen selbstverständlich machen. Dies wird von uns täglich eingefordert und treibt Innovationen sowie den Wandel im gesamten Gesundheitssystem voran. Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter in den Betriebskrankenkassen achten außerdem darauf, dass Versorgungsangebote, Beratung, Service und Leistungen qualitativ hochwertig sind und sich kontinuierlich den Bedürfnissen anpassen. Schließlich stehen die Betriebskrankenkassen untereinander und mit den anderen Krankenkassen im Wettbewerb. Unterdurchschnittliche Verwaltungskosten und gleichzeitig eine Bestbenotung der Kunden schließen sich also nicht aus – bei den Betriebskrankenkassen sind es ganz selbstverständlich zwei Seiten derselben Medaille.

Und weil dies so ist, hat sich die Zahl der Krankenkassen, gerade auch der Betriebskrankenkassen, insbesondere seit 1993 drastisch reduziert und den Marktbedürfnissen angepasst: Waren es damals noch über 1.200 Krankenkassen, so liegt die Zahl heute bei 93. Und davon sind 69 Betriebskrankenkassen. Die Entscheidung für Fusionen war unternehmer- und marktgetrieben. Und das funktioniert wunderbar. Noch heute und auch morgen. Schließlich verändern sich auch die Betriebe. Mittelständische Unternehmen werden zu Großbetrieben oder Konzernen. Die Anforderungen an ihre Betriebskrankenkasse verändern sich mit. Die Kunden erwarten individualisierte, passgenaue Angebote und eine Versorgung vor Ort sowie persönliche Beratung und Ansprache statt Chatbots. Damit dies gelingt, laufen Routineprozesse IT-gestützt im Hintergrund ab, werden Rechnungen von Krankenhäusern, Rehaeinrichtungen, Apotheken sowie Ärztinnen und Ärzten schnell und bürokratiearm beglichen. Dazu wird das Rad nicht immer neu erfunden, sondern gebündelt hinter den Kulissen von Dienstleistern und Experten zuverlässig erledigt.

Dennoch treiben einige die Erzählung voran, dass weniger Krankenkassen oder gar eine Mindestgröße von einer Million Versicherten gesetzlich vorgeschrieben werden sollten. Das sei effizient und würde Kosten sparen. Der Beifall für solche Aussagen ist schnell und gewiss. Das liegt auch daran, dass die Nachteile von staatlich verordneten Fusionen tunlichst verschwiegen werden. 

Infokasten über Fusionsgefahren

Die Vielfalt der Krankenkassen in Deutschland ist also kein Systemfehler. Für die Betriebskrankenkassen gilt im Gegenteil: Es ist eine bewusste Entscheidung von Unternehmen und Betrieben, mit einer eigenen Krankenkasse für ihre Beschäftigten und deren Familien im Alltag und im Notfall da zu sein. Es ist die bewusste Entscheidung von Betriebskrankenkassen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, die gesundheitliche Versorgung in ihrer Region zu verbessern und den Menschen Alternativen sowie innovative Versorgungsmodelle anzubieten. Es ist auch die bewusste Entscheidung überregionaler und großer, geöffneter Betriebskrankenkassen, die selbstbewusst ihre Versorgungsangebote den Menschen in ganz Deutschland anbieten möchten. Und es ist die bewusste Entscheidung von Versicherten, die sich für eine Betriebskrankenkasse entschieden haben, weil sie von deren Angebot oder dem Preis überzeugt sind.

Die Erzählung von einer zu vielfältigen Kassenlandschaft in Deutschland ist also vergiftet mit Argumenten, die fachlich nicht haltbar sind. Den Bürgerinnen und Bürgern sowie den Leistungserbringenden wird ein Bär aufgebunden, indem ihnen schnelle Lösungen verkauft werden. Verschwiegen werden ein Verlust an Nähe und Service, ein Verlust innovativer Versorgung, und womöglich auch steigende Beiträge, wenn das Fusionsexperiment schiefgeht. Die Demokratie nimmt Schaden, da durch staatliche Eingriffe in die Vielfalt der Kassen die soziale Selbstverwaltung übergangen wird und die Entscheidungs- sowie Wahlfreiheit der Bürgerinnen und Bürger eingeschränkt wird. Und auch die Wirtschaft nimmt Schaden, weil ausgerechnet jene Betriebskrankenkassen, die sich betriebliche Prävention und Gesundheitsmanagement auf die Fahnen geschrieben haben und das gesundheitliche Rückgrat vieler erfolgreicher Unternehmen in Deutschland sind, am ehesten davon betroffen wären. Schließlich gehören die Betriebskrankenkassen zur Gesundheitsinfrastruktur in unserer Arbeitswelt. Sie stärken die Betriebe mit Angeboten für eine gesunde Belegschaft und unterstützen sie so im Wettbewerb um Fachkräfte. Sie stärken außerdem die Regionen, in denen sie verwurzelt sind.

Unser System, die Betriebe und die Versicherten brauchen keine weitere Distanz und Zentralisierung in der Krankenkassenlandschaft, sondern mehr gesunde Nähe. Vielfältige Angebote schaffen Stabilität, Verlässlichkeit und Sicherheit. Genau das ist es, worauf es den Menschen ankommt! Genau dafür stehen die Betriebskrankenkassen.

Bedeutet das, dass alles beim Alten bleiben soll und muss? Auf keinen Fall! Denn wir leben in einem dynamischen Umfeld, in dem gesellschaftliche und wirtschaftliche Umbrüche auch an den Betriebskrankenkassen nicht vorbeigehen. Diese aktiv zu gestalten und sich vorausschauend immer wieder sinnvoll entsprechend den Bedürfnissen der Versicherten und Unternehmen entsprechend zu wandeln, das können die Betriebskrankenkassen. Das liegt seit Jahrhunderten in ihrer DNA – und wir, die Betriebskrankenkassen, werden auch weiterhin darüber berichten.