Kassenvielfalt stärkt die GKV

Kassenwettbewerb ist gesund für das System und für die Versicherten

Konkurrenz belebt das Geschäft. Selbst die eifrigsten Kritiker des Krankenkassenwettbewerbs würden dieser Aussage wohl zustimmen, wenn es um Wirtschafts- und Industrieunternehmen geht. Nur bei Krankenkassen hört für sie der Spaß auf, da ist die rote Linie erreicht. Vorteile, die normalerweise der Konkurrenz, der Vielfalt und dem Wettbewerb im Wirtschaftsleben zugeschrieben werden, sollen bei Krankenkassen dann plötzlich nicht mehr gelten. Hier sind diese Attribute dann auf einmal nicht mehr ein Bollwerk gegen Preisexplosionen, sondern sie werden selbst als Kostentreiber hingestellt. Sie wirken plötzlich nicht mehr stabilisierend und nicht mehr als entscheidender Faktor für Innovation, Fortschritt und Qualitätsverbesserung, sondern sie werden als Belastung für das System verteufelt. Was anderswo als Schlüsselfaktor für Unternehmenserfolg gilt, nämlich der Wettbewerb konkurrierender Organisationen, wird bei Krankenkassen als „überflüssige Doppelstrukturen“ diffamiert, die man einfach wegrationalisieren könne, ohne dass dies Auswirkungen für die Versicherten hätte. Das klingt nach zweierlei Maß – und das ist es auch.

Socken

So funktioniert der Kassenwettbewerb

In Deutschland gilt seit 1996 das sogenannte Kassenwahlrecht. Versicherte können ihre Krankenkasse seither frei wählen, wodurch die Krankenkassen untereinander in Wettbewerb stehen. Die meisten Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind zwar gesetzlich standardisiert, es gibt dennoch wichtige Unterscheidungs- und Herausstellungsmerkmale. Ein zentrales Wettbewerbsinstrument ist der Zusatzbeitragssatz. Jede Kasse kann einen eigenen Zusatzbeitrag erheben, der auf den allgemeinen Beitragssatz von derzeit 14,6 Prozent aufgeschlagen wird. Steigen die Zusatzbeiträge für eine Kasse stark an, kommt es zu Wechselbewegungen von Versicherten zu günstigeren Anbietern. Zu teure Krankenkassen können sich also aufgrund des Preiswettbewerbs nicht im Markt halten.

Neben dem Preis konkurrieren die Krankenkassen auch mit individuellen Zusatzleistungen und Servicequalität. Dazu zählen beispielsweise kostenlose Zahnreinigungen, erweiterte Vorsorgeuntersuchungen oder die Übernahme alternativer Behandlungsmethoden. Einige Krankenkassen punkten gegenüber Wettbewerbern beispielsweise auch mit digitalen Angeboten, mit Bonusprogrammen zur Gesundheitsförderung oder mit einem besonders guten Kundenservice. Wieder andere profilieren sich mit Angeboten zur betrieblichen Gesundheitsförderung. Es besteht ein wichtiger gesellschaftlicher Konsens darüber, dass gesetzliche Krankenkassen im Kern die gleichen Leistungen zu übernehmen haben, wenn es um dezidierte Erkrankungen geht. Dadurch wird vermieden, dass dies wesentlichen Krankheitsrisiken bei gesetzlich Versicherten auch hinreichend abgesichert sind. Wer aber gute Erfahrungen mit Akupunktur[1] gemacht hat, kann unter den Wettbewerbern solche finden, die sich in diesem Bereich hier mit besonderen Leistungen hervortun. Und wem Gesundheit am Arbeitsplatz wichtig ist, der findet Kassen, die in diesem Bereich mehr leisten als andere, zum Beispiel Betriebskrankenkassen. Die Krankenkasse mit dem besten Gesamtpaket aus Preis und Leistung hat also auch die besten Karten, im Wettbewerb zu bestehen.

Warum ist Wettbewerb gut für Versicherte und das Gesundheitssystem?

Die Wahlfreiheit garantiert, dass sich Versicherte die Krankenkasse heraussuchen können, die am besten zu ihren Bedürfnissen und zu ihrer jeweiligen Lebenssituation passt. Denn: Beispielsweise chronisch kranke Menschen haben oft spezifischere Anforderungen und Wünsche an ihre Krankenversicherung als andere Versicherte, Familien mit Kindern einen anderen Bedarf als Alleinstehende. Der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen um Mitglieder sorgt mit speziellen Angeboten, Dienstleistungen, Zusatzleistungen und Tarifen dafür, dass es mehr maßgeschneiderte Lösungen für genau diese unterschiedlichen Bedarfe gibt. Wer mit den Leistungen oder dem Service seiner Krankenkasse unzufrieden ist, kann zu einer Kasse wechseln, die ein besseres oder passgenaueres Gesamtpaket bietet. Versicherte profitieren also davon, dass sie sich für das für sie beste Angebot, das beste Leistungsspektrum und den besten Service entscheiden können. Der Wettbewerb fördert somit eine Entwicklung des Leistungsangebots der Krankenkassen hin zu den Wünschen und Bedürfnissen der Versicherten.

Aus gesundheitspolitischer Sicht ist der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen eines der zentralen Steuerungsinstrumente, um die Versorgung zu verbessern. Die Konkurrenz zwischen den Krankenkassen ist politisch gewollt und soll diese dazu disziplinieren, effizient zu wirtschaften, ihr Leistungsangebot möglichst innovativ und qualitativ hochwertig zu gestalten sowie sich an den Bedürfnissen der Versicherten zu orientieren. Jede Krankenkasse – ob groß, klein, regional oder bundesweit – kann zum „Versuchslabor“ für neue Versorgungsmodelle werden. Im besten Fall profitieren davon auch andere Kassen und somit letztlich die Versicherten. Der Kassenwettbewerb steigert somit kontinuierlich die Versorgungsqualität für die Versicherten.

Die Wirksamkeit des Kassenwettbewerbs wird insbesondere immer dann von Politikern in Frage gestellt, wenn die Politik besonders hilflos darin ist, eine nachhaltige Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung sicherzustellen. Plötzlich wächst die Zahl derer, die eine Reduzierung der Anzahl der Krankenkassen fordern. Sie führen dann argumentativ ins Feld, dass 94 Krankenkassen mit ihren vermeintlichen Doppelstrukturen die Verwaltungskosten unnötig in die Höhe treiben. Weniger Kassen würden auch weniger Kosten verursachen, so das Narrativ. Warum das nicht stimmt, [können Sie hier nachlesen].

Die Wahrheit ist: Der Wettbewerb zwischen den Krankenkassen steigert die Effizienz und Kostendisziplin und sorgt für einen kontinuierlichen Optimierungsdruck im System. Er „bestraft“ Krankenkassen, die ineffizient wirtschaften, und belohnt jene, die ihre Kosten im Blick haben und somit stabile Zusatzbeiträge gewährleisten können. Dass dieses System funktioniert, zeigt sich daran, dass insbesondere viele kleine und mittelgroße Krankenkassen in der Regel geringere Verwaltungskosten aufweisen als die großen „Tanker“ in der gesetzlichen Krankenversicherung. Dieser kontinuierliche Konkurrenzdruck sorgt dafür, dass von jedem eingezahlten Beitrags-Euro ein immer höherer Anteil direkt der Versorgung der Versicherten zugutekommt.

Was wollen eigentlich die Versicherten?

Wie der BKK Kundenreport 2025 jüngst gezeigt hat, sind die Versicherten mit großer Mehrheit mit ihrer Krankenkasse zufrieden. Warum sollte man zufriedene Kunden also durch Kassenfusionen dazu zwingen, ihre Kasse zu wechseln? Wie sollte ein solcher Prozess in einem demokratischen Rechtsstaat ablaufen, damit er verfassungskonform ist und alle Betroffenen zufriedenstellt? Und nach welchen objektiven Kriterien soll überhaupt entschieden werden welche Krankenkasse bleiben darf und welche nicht?

Übrigens: Die Versicherten wünschen sich, wie der BKK Kundereport auch belegt, nicht etwa weniger, sondern mehr Individualisierung und mehr Unterscheidungsmerkmale bei den angebotenen Leistungen der Krankenkassen. 

Das Thema Wahlfreiheit bei der Krankenkasse ist den Versicherten überdies sehr wichtig: Immerhin gaben mehr als 90 Prozent der Befragten an, ihre Kasse schon mindestens einmal gewechselt zu haben. Und dabei geht es nicht nur ums Geld: Auch die Themen Service und Kundenbetreuung spielen für die Versicherten eine sehr große Rolle. All diese Erwartungen, Anforderungen und Wünsche lassen sich nur in einem wettbewerbsorientierten System mit möglichst wenig staatlichen Eingriffen verwirklichen. In einem solchen System muss sich jede Krankenkasse immer wieder neu als gute Kasse beweisen, die sich um ihre Versicherten bemüht. Eine Einheitskasse, die keinen Wettbewerbsdruck fürchten muss, kann die Dinge auch mal schleifen lassen. Eine Kasse, die in Konkurrenz steht, kann das nicht.

Was passiert, wenn der Wettbewerb wegfällt, sieht man in Österreich

Wir müssen nicht weit in die Ferne schweifen, um zu sehen, wohin fehlender Wettbewerb bei den Krankenkassen führen kann: Auch unsere österreichischen Nachbarn wollten durch die Fusion von Krankenkassen Geld einsparen. Zum Jahresbeginn 2020 wurden die neun Gebietskrankenkassen deshalb zur Österreichischen Gesundheitskasse fusioniert. Die Versicherten der bisherigen Krankenkassen wurden – bis auf einige Ausnahmen – in die neue Einheitskasse übernommen. Die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker erhofften sich von der Zusammenlegung Einsparungen in Milliardenhöhe bei den Verwaltungskosten. Die eingesparten Mittel sollten in die Patientenversorgung fließen. Fünf Jahre später zeichnet sich jedoch ein ganz anderes Bild ab: Seit der großen Kassenfusion kennen die Verwaltungskosten nur eine Richtung – nach oben. Die Ausgaben liegen 38 Prozent höher als vor der Fusion. Anstelle der vom damaligen Bundeskanzler Kurz versprochenen „Patientenmilliarde“ müssen die österreichischen Beitragszahlenden nun 127 Millionen Euro mehr aufbringen. Noch in diesem Jahr werden die Eigenanteile für Patienten wohl erhöht werden müssen. Jüngst wurde sogar gefordert, die Reform zur reformieren.

Kassenwettbewerb schützt die gesetzliche Krankenversicherung vor Crash

Steigende Kosten durch Kassenfusionen sind die eine Seite der Medaille. Es gibt jedoch noch einen weiteren Effekt, der in der Debatte um Kassenfusionen bislang kaum eine Rolle spielt. Durch die Konzentration von Marktmacht in wenigen großen Organisationen und den damit einhergehenden geringeren Wettbewerb steigt die Gefahr eines Systemcrashs, wenn einer dieser Marktteilnehmer in eine Schieflage gerät. Die von der US-Bank Lehman Brothers im Jahr 2008 ausgelöste weltweite Krise zeigte dies anschaulich: Die US-Regierung konnte eine Rettung wegen der zu hohen Kosten politisch nicht rechtfertigen und lehnte sie ab. Daraufhin riss Lehman Brothers zunächst reihenweise andere Banken in den wirtschaftlichen Abgrund und zog anschließend die Weltwirtschaft in eine Rezession.

Auch Krankenkassen können pleitegehen. Was dann geschieht, ist seit 2010 im Gesetz geregelt: Andere Krankenkassen sollen helfen, entweder durch Fusion oder durch Übernahme der Verbindlichkeiten. Eigentlich eine gute Idee. Doch was passiert, wenn eine sehr große Krankenkasse pleitegeht und die Haftung die anderen Krankenkassen überfordert? Das gesamte System könnte ins Schleudern geraten und die Folgen für die sozialen Sicherungssysteme wären kaum abzuschätzen.

Eine der Lehren aus der Bankenkrise ist: Wenn die Auffangkosten zu hoch sind, versagt der Staat – und auch wenige große Wettbewerber können kaum helfen. Viele kleine Unternehmen können hingegen einen anderen kleinen, insolventen Wettbewerber viel leichter retten. Also: Je vielfältiger die Krankenkassenwelt ist, desto besser ist das System der gesetzlichen Krankenkassen vor einem Crash geschützt.

Fazit: Die Vielfalt der Krankenkassen liegt im Interesse der Versicherten und Beitragszahlenden. Wer eine Reduzierung der Kassenzahl fordert, lenkt von den eigentlichen, wirklich drängenden Problemen der Finanzierung in der GKV und im gesamten Gesundheitswesen ab.