IM FOKUS: Morbi-RSA

Morbi-RSA heute: Entwickler stellen sich Bestnoten aus

20.08.2018

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Sachstand Morbi-RSA: Entwickler stellen sich Bestnoten aus

Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesversicherungsamt (BVA) unterstützt seit 2007 bei der Weiterentwicklung des Morbi-RSA. Dazu gehört auch, den Morbi-RSA hinsichtlich seiner Wirkungen im Status quo zu evaluieren. Die Entwickler prüfen sich also selbst – und die Evaluationsergebnisse sind kaum verwunderlich: Natürlich ist der bestehende Morbi-RSA der Beste, den es je gab.

Festgemacht wird diese Erkenntnis maßgeblich an einer statistischen Kennzahl, dem R2. Sie soll die Zielgenauigkeit des Morbi-RSA belegen und liegt aktuell bei 25,84 Prozent. Je höher diese Kennzahl, umso besser, so der Wissenschaftliche Beirat. Ein R2 von 100 Prozent könnte man über einen vollständigen Ausgleich der Kosten bei den Krankenkassen erhalten. Damit Wettbewerb um eine gute Versorgung und Services erhalten bleibt, kann dies nicht das Ziel eines Finanzausgleiches sein. Aber: welches R2 ist denn das nun angestrebte oder richtige? Diese Antwort hat der Wissenschaftliche Beirat bisher nicht geben wollen oder können. Sein Denkkonstrukt folgt trotzdem der Linie der Zielgenauigkeit und der Schlussfolgerung: „noch mehr Morbi-RSA führt zu einem (noch) besseren Morbi-RSA“.

Und so steigt die Komplexität eines Mechanismus, an dessen Änderung sich kaum noch jemand heranwagt. Die Sorge: Zu unüberschaubar sind die Auswirkungen, wenn man an einer kleinen Stellschraube dreht. Das wiederum dient dem Wissenschaftlichen Beirat, der, gepaart mit einer alleinigen Hoheit zur Auswertung aller GKV-Daten, weiter unangefochten forschen und Folgegutachten erstellen will. Gleichzeitig bleiben Politik sowie Betroffene ratlos zurück – und die Wettbewerbsverzerrungen nehmen derweil weiter zu. Selbstkritisch das ganze Konstrukt und die dahinterliegende Denke zu hinterfragen? Fehlanzeige! Analyse und Berücksichtigung der zunehmenden Marktkonzentration sowie Beitragssatz-Spreizungen und der Fehlverteilung der Beitragsgelder an Kassen, die diese nicht für die Versorgung brauchen? Fehlanzeige! Praktische Vorschläge, die die massive Spanne der Deckungsbeiträge signifikant zusammenführen? Ebenfalls Fehlanzeige!

In der Schule wäre es undenkbar, dass sich der Schüler seine Prüfungsthemen und -aufgaben selbst stellt, bearbeitet und sein eigenes Ergebnis bewertet. Was anderes, als eine Bestnote, kann da entstehen?
Das muss sich ändern, indem Wissenschaft außerhalb des Beirates und Kassen eine Datenstichprobe der GKV erhalten und endlich auf Augenhöhe pragmatische Vorschläge für einen fairen Morbi-RSA entwickeln können. Ob das R2 dann höher oder niedriger ausfällt, kann nur ein Indikator sein. Wenn die Beitragsgelder dort ankommen, wo sie für die Versorgung der Versicherten benötigt werden, und ein Wettbewerb um diese Versorgung stattfindet, erst dann wäre die Vergabe einer Bestnote angezeigt.