Agenturmeldungen

Digitale Patienten-Überwachung: Uniklinikum Essen als Vorreiter

12.03.2018

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen bringt Herausforderungen: für
Patienten und für Ärzte. Nachgedacht wird nun über eine digitale
Überwachung in Kliniken. Das birgt viele Chancen - aber auch Risiken.

Essen (dpa) - Silke Skottky erinnert sich noch gut an den «absoluten
Super-Gau», wie die Laborleiterin der Pathologie am Uniklinikum
Essen es nennt. Vor etwa fünf Jahren wurden in der Pathologie zwei
Proben verwechselt. Einer jungen Patientin der Hautklinik wurde nach
Auswertung ihrer vermeintlichen Befunde mitgeteilt, sie werde bald
sterben. Eine etwas ältere Frau erfuhr, die ihr entnommene Probe sei
unauffällig. Ursache war ein Zahlendreher - notiert auf der Probe,
von Hand.

Bei einer weiteren Untersuchung sei der Irrtum aufgefallen. «Wir
haben uns dann für ein komplett neues Konzept entschieden und die
Beschriftung von Hand einfach abgeschafft», erklärt Skottky. Trotz
größter Sorgfalt würden Augen und Gehirn ab und zu selbst dem
aufmerksamsten Mitarbeiter ein Schnippchen schlagen. Mit der
Einführung von Barcodes sei die Fehlerquote gesunken. Die digitale
Pathologie macht es möglich.

Doch damit nicht genug: Die Digitalisierung an der Pathologie soll es
künftig ermöglichen, Prozesse lückenlos zurückzuverfolgen. An der
Klinik sollen ab diesem Jahr entnommene Proben digitalisiert werden.
«Wir kriegen oft Anfragen nach Gewebeproben, die vor Jahren entnommen
wurden.» Kommt es etwa Jahre nach einer Krebserkrankung zu einem
Rückfall, ist für die Behandlung das Wissen um die Ersterkrankung
entscheidend. Dann werden Zettel geschrieben, Archivare tragen Proben
durch die Klinik und wieder zurück. «Was da alles schief gehen kann.
Allein durch falsch einsortierte Proben», sagt Skottky.

Sie will nun die Prozesse durch Digitalisierung vereinfachen,
Fehlerquellen minimieren. «Wir reden allerdings von 350 000 Gläsern
und 220 000 kleinen Transportblöcken pro Jahr.» Dafür wird ein
gigantisches Datenvolumen gebraucht. «Natürlich sind Unikliniken da
Vorreiter», kommentiert Jan Neuhaus, bei der Deutschen Krankenhaus
Gesellschaft (DKG) zuständig für «IT, Datenaustausch und eHealth».
Sie hätten eher die finanziellen Mittel für die Umstellung.

Bei ihrem obersten Chef lief Skottky mit dem Wunsch nach lückenloser
Digitalisierung offene Türen ein. Jochen Werner, Ärztlicher Direktor
der Uniklinik, hat das Thema «Smart Hospital» zur Chefsache erklärt.
Der «digitale Masterplan» sieht die Einführung einer elektronischen
Patientenakte bis Frühsommer 2018 vor.

Aber auch darüber hinaus sprudelt Werner vor Ideen. Eine davon ist
das Tracking, also das elektronische Überwachen von Patienten - etwa
mit Hilfe eines Aufklebers. «Wir könnten sofort am PC sehen, wenn ein
Patient beispielsweise zu lange vor einem Operationsraum warten
muss.» Oder es könnte zeigen, wenn sich ein Patient nach einer
Hüft-Operation zu wenig bewege. Der Arzt könnte ihn dann motivieren,
mehr spazieren zu gehen und so den Heilungsprozess beschleunigen.

In der Kardiologie will Werner ein solches Pilotprojekt 2018 angehen.
«Nur für Freiwillige», versichert er, denn das Thema ist mit Hinblick
auf den Datenschutz nicht unumstritten. Gerade für Prozessanalysen
könnten sich aus solchen Aufzeichnungen aber wichtige Informationen
ergeben, lobt Neuhaus die Klinik. Bislang würden in anderen Projekten
lediglich die Betten mit einem Barcode versehen, um mit einem Scanner
zu prüfen, ob das richtige Bett vor dem Operationssaal steht.

Steffen Augsberg, Professor für öffentliches Recht an der Universität
Gießen und Mitglied im Ethikrat, sieht in der elektronischen
Überwachung der Patienten erst einmal kein Problem. «Das ist
rechtlich mit Sicherheit über eine Einwilligungslösung durch den
Patienten machbar.» Schwieriger werde es, wenn der Überblick über die
in Umlauf befindlichen Daten schwinde. «Es ist ein massives Problem,
dass die Verwendung der Daten in der Zukunft noch völlig offen ist.»

«Daten-Souveränität» ist für ihn das Schlüsselwort. «So banal es
klingt, wir müssen über einen souveränen Umgang mit Daten aufklären.»
In Schulen, Betrieben und Universitäten müsse es mehr Aufklärung
geben. «Es ist schon bedenklich, was an personenbezogenen Daten im
Umlauf ist.» Generell sieht Augsberg auch beim Gesetzgeber eine
grundsätzliche Bereitschaft zur Nachbesserung im Datenschutz.

DKG-Experte Neuhaus spricht von «Digitalisierungsdruck». Die
Kommunikation habe sich verändert, und die Menschen würden diese
Veränderungen in die Krankenhäuser bringen. So stelle der Wunsch,
seine Daten elektronisch mitzunehmen, Kliniken vor neue
Herausforderungen. Es gebe kaum noch Häuser, die keine medizinischen
Daten speichern würden, sagt Neuhaus. Allein für die Abrechnung sei
das elementar. Allerdings würden nur wenige Krankenhäuser jeden
Pulswert und jede Medikamentengabe digital aufzeichnen, so wie der
Plan des Essener Klinikums das vorsieht.

Neuhaus spricht sich allerdings gegen Einzellösungen aus. «Wir haben
uns kaputt geinselt.» Es helfe nicht, wenn jede Klinik ihre eigenen
Patientenakte in digitaler Form habe. Gerade bei Krebserkrankungen
würden Patienten verschiedene Spezialisten an verschiedenen
Häusern aufsuchen. Daher sei das Ziel eine elektronische Akte, die
auf Wunsch der Patienten überall verfügbar sei.

Klinikchef Werner sieht unendliche Chancen - auch für neue Berufe.
«Ärzte müssen komplett umdenken. Es geht um mehr als um
Diagnosestellung, Therapie und ein Nach-Hause-Schicken.» Die Erhebung
zahlloser Gesundheitsdaten ermögliche eine neue Forschung im Hinblick
auf Prävention und Rehabilitation. So könnten erhobene Fitness-Daten
möglicherweise wertvolle Hinweise darauf geben, ob, wann und wie sich
Herzprobleme frühzeitig ankündigen. Werner bemängelt, bislang würden
erhobene Daten zwar gesammelt, aber nicht ausreichend ausgewertet.