Agenturmeldungen

Spahn: Jeder sollte Entscheidung zu Organspende treffen

28.05.2018

Es geht um eine sensible Frage, die viele vor sich herschieben: Würde
man ein Organ spenden, auf das Kranke dringend warten? Der Minister
fordert auf, sich damit zu befassen. Oder soll ein neues System her?

Berlin (dpa) - Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat dazu
aufgerufen, dass sich mehr Menschen in Deutschland über eine mögliche
Organspende klar werden. Eine Auseinandersetzung mit dieser Frage
müsse «für uns alle zur Selbstverständlichkeit werden», sagte der
CDU-Politiker am Montag. «Das sind wir den mehr als 10 000 Menschen
schuldig, die voller Hoffnung auf ein Organ warten.» Jeder sollte
daher für sich eine Entscheidung treffen. Nach einem Negativ-Rekord
bei Organspenden im vergangenen Jahr mehren sich Stimmen, die eine
Neuregelung nach dem Vorbild europäischer Nachbarstaaten fordern.

Zuletzt wurde in den Niederlanden die sogenannte Widerspruchslösung
eingeführt: Jeder, der nicht widerspricht, kommt nach dem Tod als
Organspender in Frage. «Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus
Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste, wäre
eine solche Regelung der Idealfall», sagte Ärztepräsident Frank
Ulrich Montgomery der Deutschen Presse-Agentur vor dem Tag der
Organspende am kommenden Samstag (2. Juni). SPD-Gesundheitsexperte
Karl Lauterbach sagte der dpa: «Wir könnten damit so vielen Menschen
den Tod ersparen oder ein besseres Leben ermöglichen.»

Kritisch steht der Idee Rudolf Henke gegenüber, der Vorsitzende der
Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund. Das Transplantationswesen lebe von
Vertrauen - dass eine Widerspruchslösung das Vertrauen stärkt,
bezweifelt er: «Es ist eher das Gegenteil zu befürchten.» Man müsse
die Menschen überzeugen und die Strukturen verbessern. Nach Angaben
der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) hatte die Zahl der
Organspender im vergangenen Jahr mit 797 einen Tiefpunkt erreicht.

Die generelle Sicht auf Organspenden hat sich neuen Umfragedaten
zufolge jedoch weiter verbessert. Positive Einstellungen dazu seien
mit 84 Prozent nun so hoch wie noch nie, ergab eine Studie der
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Befragt wurden
von November bis Februar 4000 Bürger im Alter von 14 bis 75 Jahren.
Einen Organspendeausweis haben demnach inzwischen 36 Prozent, nachdem
es 2012 noch 22 Prozent waren. Krankenkassen müssen Versicherte ab
16 Jahren alle zwei Jahre anschreiben und über das Thema informieren.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte einen Neustart, bei
dem der Staat die Verantwortung übernehmen müsse. «Das gilt sowohl
für die Regeln der Verteilung der Organe als auch für die
Organisation und Kontrolle», sagte Vorstand Eugen Brysch der dpa. Die
Krankenkassen hätten Millionen Euro für Werbung ausgegeben, und jedes
Jahr würden bessere Umfragewerte vermeldet. Tatsächlich sinke die
Bereitschaft zur Organspende aber. Nun sei Minister Spahn gefordert.