Agenturmeldungen

Wer eine überflüssige Klinik dicht macht, wird dafür belohnt

12.03.2018

Das Krankenhaus um die Ecke macht zu? Furchtbar, finden Kommunen und
Patienten vor Ort. Gut so, sagen Fachleute aus der Vogelperspektive.
Als Anreiz gibt es «Marktaustrittsprämien».

Frankfurt/Main (dpa) - Der Rheingau-Taunus-Kreis ist in Aufruhr. Der
Klinik-Betreiber Helios will das Krankenhaus in Bad Schwalbach
schließen. Mit 3550 Patienten pro Jahr und 157 Mitarbeitern ist es
ein recht kleines Haus. 318 Kliniken mussten bundesweit in den
vergangenen 20 Jahren aufhören. Vor Ort wird das stets scharf
kritisiert, aber mit größerem Abstand ändert sich die Einschätzung.

«Wir sind der Ansicht, dass das Krankenhaus von großer Bedeutung für
die Versorgung der Bürger ist», sagt der Sprecher des
Rheingau-Taunus-Kreises, Christoph Zehler. Ohne die Helios-Klinik
müssten alle Patienten nach Wiesbaden: ein weiter Weg, über
verstopfte Straßen, zu überfüllen Notaufnahmen, wie Zehler
argumentiert. Es gab Demonstrationen und Bürgerversammlungen, eine
Petition und ein Gegengutachten - alles umsonst. Derzeit geht der
Kreis davon aus, dass am 31. Mai Schluss ist.

Die Helios Kliniken GmbH, die das Krankenhaus erst 2006 übernommen
hat, argumentiert mit zu geringer Nachfrage: «Lediglich 15 Prozent
der Patienten im Rheingau-Taunus-Kreis lassen sich in Bad Schwalbach
behandeln», sagt Sprecherin Simone Koch. Von den 110 Betten würden im
Schnitt nur 43 gebraucht. Patienten und Rettungsdienste bevorzugten
Krankenhäuser, «an denen sie eine größere Bandbreite an Spezialisten
vorfinden, bei denen Behandlungen häufiger durchgeführt werden und
die über eine umfassende Notfall- und Intensivmedizin verfügen».

Die Menschen in Bad Schwalbach und vergleichbaren Orten «müssen keine
Angst haben», sagt Prof. Ferdinand M. Gerlach, Vorsitzender des
Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im
Gesundheitswesen, der Deutschen Presse-Agentur. «Es ist oft besser,
etwas weiter in ein spezialisiertes Krankenhaus zu fahren als ins
nächstbeste zu gehen. Ihre Chancen sind in einem größeren Zentrum
nachweislich wesentlich besser, da kommt es nicht auf die etwas
längere Transportzeit an.»

Vergleichbare Fälle gibt es viele: In Baden-Württemberg schloss nach
langem politischen und juristischen Streit die Oberschwabenklinik
2014 ihr Krankenhaus in Isny. Ende 2015 machte bei Hamburg das
Krankenhaus Salzhausen dicht - nach 118 Jahren; es war das bundesweit
einzige genossenschaftlich geführte Krankenhaus. 2017 gab es in
Niedersachsen drei Insolvenzen: die Paracelsus-Kliniken mit
Standorten in Osnabrück, Langenhagen und Bad Gandersheim, das
Klinikum in Delmenhorst und das Bürgerspital in Einbeck.

«Jeder achtet primär auf sein eigenes Krankenhaus, es gibt zu wenig
übergreifendes Denken», bemängelt Gerlach. Der Frankfurter Professor
ist entschieden der Meinung, dass es viel zu viele Krankenhäuser
gibt, vor allem in den Ballungszenten: «Das Rhein-Main-Gebiet ist ein
Musterbeispiel für stationäre Überversorgung.» Im November hatte er
der «Saarbrücker Zeitung» gesagt, «wenn wir ein Viertel zumachen
würden, würde sich die Qualität nicht verschlechtern». Dazu steht er
bis heute: «Die Zahl war bestimmt nicht zu hoch gegriffen.»

Die Krankenhausgesellschaft lief damals Sturm: Wenn ein Viertel der
Kliniken geschlossen würde, «entstünde ein Behandlungsnotstand
allererster Ordnung in Deutschland», keilte die Klinik-Lobby zurück.
«In nahezu allen Regionen des Landes haben inzwischen Bürger Probleme
beim Zugang zu medizinischer Versorgung.»

Das Forschungsinstitut RWI stützt Gerlachs Position. Der «Krankenhaus
Rating Report 2017» kam zu dem Schluss, dass es immer noch zu viele
Kliniken gibt: «Es gibt zu viele kleine Einrichtungen, eine zu hohe
Krankenhausdichte und zu wenig Spezialisierung.» Das Problem: Je
weniger Eingriffe, desto weniger Erfahrung, desto größer das Risiko
für den Patienten, vor allem bei Komplikationen.

Aus dieser Überlegung heraus gibt es sogar Geld, wenn als überflüssig
erachtete Krankenhäuser von der Landkarte verschwinden. Mit einem
«Strukturfonds», in den Bund und Länder je zur Hälfte einzahlen, soll
die Umstrukturierung der Kliniklandschaft gefördert werden - sei es
durch Umwandlung, Zusammenlegung oder Schließung. Helios will in Bad
Schwalbach eine Akutklinik für Psychosomatik ansiedeln, die sich um
Krankheiten wie Schwindel, Angst, Schlaf- oder Essstörungen kümmert.

Wie viel Geld Helios dafür bekommt, ist unklar; eine Zahl wollten
weder der Konzern noch das Sozialministerium nennen. In den lokalen
Medien war von 13,5 Millionen die Rede. Dass ein Klinikkonzern dafür,
dass er ein Krankenhaus schließt, auch noch belohnt wird, «das
versteht hier eigentlich keiner», schimpft Landkreis-Sprecher Zehler.

Das hessische Sozialministerium betont, dass die Landespolitik keinen
Einfluss darauf hat, wie viele Krankenhäuser es gibt. «Wir schließen
keine Kliniken. Das entscheidet allein der Träger», sagt
Ministeriumssprecherin Esther Walter. «Unsere Aufgabe ist es zu
prüfen, ob im Falle einer Schließung die medizinische Versorgung in
der Region sichergestellt ist.» Als unverzichtbar gelte eine Klinik,
«wenn mindestens 5000 Menschen mehr als 30 Minuten zu einem anderen
Allgemeinkrankenhaus mit Notfallversorgung fahren müssen». Im Fall
von Bad Schwalbach sei das nicht der Fall.

Die Auffassung, dass es ganz gut ist, wenn kleine Krankenhäuser
verschwinden, teilt man in Hessen übrigens nicht. «Das ist die
bundespolitische Perspektive», sagt Walter.