Agenturmeldungen

Ausgabenschub bei Arzneien - Kassen rügen zu schnelle Zulassungen

04.10.2017

Immer neue teure Arzneimittel kommen auf den Markt - oft per
Schnellverfahren. Viel zu halbherzig sind aus Sicht der AOK Versuche
des Gesetzgebers, den stetigen Kostenschub in den Griff zu bekommen.

Berlin (dpa) - Die Beitragszahler müssen trotz immer neuer
Spargesetze für Arzneimittel tiefer in die Tasche greifen. Schuld
sind laut AOK Gesetzeslücken. Patienten könnten zudem gefährdet sein,
denn immer mehr Mittel kämen per Schnellzulassung auf den Markt und
würden nicht ausreichend getestet. Wegen der Verordnung von immer
mehr und immer teureren Medikamenten stiegen die Kosten der
gesetzlichen Krankenkassen im Arzneibereich 2016 um 3,9 Prozent auf
38,5 Milliarden Euro, wie aus dem am Mittwoch in Berlin
veröffentlichten AOK-Arzneiverordnungsreport hervorgeht.

Herausgeber Ulrich Schwabe sagte, patentgeschützte Arzneimittel
kosteten mehr «als sie wert sind». Der Politik warf er vor, dass
geplante Regeln zur Eindämmung des konstanten Kostenanstiegs
fallengelassen worden seien. So war vorgesehen gewesen, dass ältere
patentgeschützte Arzneimittel wie neue auf ihren Zusatznutzen und
angemessene Preise überprüft werden. Auch eine geplante
Umsatzschwelle für neue Mittel sei nicht umgesetzt worden.

2016 erzielte das teuerste eine Prozent aller Arzneimittel laut dem
Report rund 3980 Euro - zehn Jahre zuvor waren es nur 950 Euro.

Vor allem mit Gentechnik hergestellte Biologika würden die Ausgaben
in die Höhe treiben. Konsequenter sollten so genannte Biosimilars
verordnet werden - also günstigere Nachfolge-Präparate - forderte der
Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft,
Wolf-Dieter Ludwig. Dass Ärzte dies noch zu wenig täten, führte
Ludwig auch auf «Desinformation auf Fachkongressen und
interessengeleitete Fachzeitschriften» zurück. In Wahrheit seien
Biosimilars nicht schlechter oder riskanter.

Schwabe machte am Beispiel deutlich, warum er Gesetzgeber und
Pharmafirmen Missstände bei den Arzneipreisen vorwirft - anhand des
Multiple-Sklerose-Mittels Tecfidera: Auf den Markt sei es in
Deutschland mit einem um 80 Prozent höheren Preis als etwa in Holland
gekommen. Dann kam die Bewertung des Nutzens anhand gesetzlicher
Vorgaben. Ergebnis: Das Mittel habe keinen Zusatznutzen gegenüber
vergleichbaren Medikamenten. Der Hersteller habe dann in
Preisverhandlungen mit den Kassen eine Senkung um fast 50 Prozent
akzeptiert - aber erst nach einem Jahr. 104 Millionen Euro allein für
dieses eine Mittel hätten die Kassen sparen können, wenn das Gesetz
sagen würde, dass der günstigere Erstattungsbetrag rückwirkend gilt.

Ein weiteres gravierendes Problem aus Sicht von AOK und Ärzteschaft:
Schnellzulassungen von Arzneimitteln. Therapien seltener oder
schwerer Krankheiten sollen so schneller zum Patienten kommen. 30 bis
40 Prozent der Medikamente kämen per Schnellzulassung auf den Markt -
«mit steigender Tendenz», wie Mediziner Ludwig kritisierte. Oft
würden dabei die Wirksamkeit über- und Risiken unterschätzt - es gebe
zu wenig Studien, wie diese Medikamente wirklich wirkten.

AOK-Chef Martin Litsch forderte deshalb einen von der Pharmaindustrie
zu finanzierenden Fonds, um Arzneimittelstudien zu bezahlen. Die
Mittel müssten nach Markteinführung überprüft werden. Den Herstellern
dürfe man dies nicht überlassen. «Sie kommen ihrem Auftrag, auch nach
erfolgter Zulassung zur Sicherheit, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit
zu forschen, nicht ausreichend nach», kritisierte Litsch. Außerdem
sollten schnell zugelassene Mittel nur in bestimmten Zentren mit
erfahrenen Fachärzten angewendet werden dürfen.

Der Pharmaverband vfa hielt der Kritik an den Arzneimittelpreisen
entgegen, dass der Industrie wichtige therapeutische Durchbrüche und
Fortschritte gelungen seien - wie die Heilung der Hepatitis-
C-Patienten oder in der Krebstherapie. Der Bundesverbandes der
Pharmazeutischen Industrie wies darauf hin, dass der Arznei-Anteil an
den Ausgaben der Krankenversicherung gesunken sei, auf acht Prozent.