Agenturmeldungen

Ausgang des Organspende-Prozesses erscheint ungewiss

30.04.2015

Ein mutmaßlicher Skandal um Spenderorgane hat im Sommer 2012 Aussehen erregt. Ein Jahr später begann der Prozess gegen einen Chefarzt am Göttinger Klinikum. Jetzt wird das Urteil erwartet.

Göttingen (dpa) - Nach mehr als 20 Monaten Hauptverhandlung will das Landgericht Göttingen am Mittwoch (6. Mai) sein Urteil im Organspende-Prozess verkünden. Die Staatsanwaltschaft hat für den Ex-Chef der Transplantationsmedizin am Göttinger Uniklinikum acht Jahre Haft verlangt. Seine Verteidiger fordern Freispruch. Der Ausgang des Verfahrens scheint völlig ungewiss.

In dem Prozess geht es um den Vorwurf des versuchten Totschlags und der Körperverletzung mit Todesfolge. Der angeklagte Chirurg soll in elf Fällen gegen Richtlinien der Bundesärztekammer verstoßen und manipulierte medizinische Daten an die zentrale Organ-Vergabestelle Eurotransplant gemeldet haben, um schneller Spender-Lebern für seine Patienten zu bekommen.

Dabei hat er laut Anklage in Kauf genommen, dass andere schwer kranke Menschen, die eigentlich eher ein Anrecht auf die Organe hatten, möglicherweise gestorben sind. Die Staatsanwaltschaft betritt juristisches Neuland und wertet dies als versuchten Totschlag. In drei Fällen soll der 47-Jährige zudem ohne ausreichenden medizinischen Grund und ohne wirksame Einwilligung der Patienten Lebern übertragen haben. Die Patienten waren später gestorben.

Um den Fall aufzuklären, hat das Schwurgericht unter dem Vorsitz von Ralf Günther seit August 2013 mehr als 100 Zeugen gehört und neun Sachverständige vernommen. Das Ergebnis dieser Beweisaufnahme wird von Staatsanwaltschaft und Verteidigung so unterschiedlich gedeutet, als hätten sie in verschiedenen Prozessen gesessen.

Oberstaatsanwältin Hildegard Wolf sieht alle Anklagepunkte als erwiesen an. Der Chirurg habe seine Transplantations-Zahlen nach oben treiben wollen. Motive seien übertriebener Ehrgeiz, Geltungssucht, Machtstreben und Bonuszahlungen gewesen.

Die Anwälte Steffen Stern und Jürgen Hoppe dagegen halten die Vorwürfe für absurd und widerlegt. Sie werfen den Anklägern vor, nicht nur eine Anklage ohne rechtliche Basis erhoben, sondern alle entlastenden Aussagen und Gutachten außer Acht gelassen zu haben.

Stattdessen halte die Staatsanwaltschaft in einer Art Wagenburg-Mentalität an den einmal erhobenen falschen Vorwürfen fest.

Die Kritik der Verteidiger entzündet sich besonders daran, dass dem Arzt zur Last gelegt wird, auch alkoholkranken Patienten vor Ablauf der von der Bundesärztekammer verlangten sechsmonatigen Alkoholabstinenz Lebern übertragen zu haben. Eine solche Richtlinie sei verfassungswidrig, weil sie eine Gruppe schwer kranker Menschen von Organ-Transplantationen ausschließe.

Der angeklagte Chirurg, der elf Monate in Untersuchungshaft gesessen hat und gegen 500 000 Euro Kaution auf freiem Fuß ist, fühlt sich zu Unrecht verfolgt. Er habe sich immer für seine Patienten eingesetzt und nur deren Wohl im Auge gehabt, erklärte er zu Prozessbeginn. Und auch in seinem Schlusswort wiederholte er, er sei unschuldig. Wie das Schwurgericht dazu steht, hat es bisher nicht erkennen lassen.