Agenturmeldungen

Blutdruck messen statt Vokabeln pauken - Schulfach Pflege

24.01.2018

Magdeburg (dpa) - Stifte und Hefte bleiben bei den Schülern an diesem

Nachmittag in der Tasche. Stattdessen werden Blutdruckmessgeräte und

Stethoskope verteilt. Für die 14 Neuntklässler der Integrierten

Gesamtschule «Regine Hildebrandt» in Magdeburg steht seit diesem

Schuljahr Pflege auf dem Stundenplan. Dieses Mal heißt das: Puls

messen, Blutdruck kontrollieren, das Herz-Kreislauf-System

kennenlernen.

 

Das Kooperationsprojekt zwischen dem Landesverband der

Volkssolidarität Sachsen-Anhalt, der Gesamtschule und dem Institut

für Weiterbildung in der Kranken- und Altenpflege (IWK) ist ein neuer

Ansatz, um Schüler frühzeitig für Pflegeberufe zu begeistern. Der

Wahlpflichtkurs geht über zwei Jahre und beinhaltet ein zweiwöchiges

Praktikum, das in einer sozialen Einrichtung absolviert werden soll.

«Wir müssen die Jugendlichen ansprechen und stärker fördern», sagt

die Personalleiterin der Volkssolidarität Sachsen-Anhalt, Anja

Girschik.

 

Der Grund dafür ist klar: In der Pflegebranche fehlt qualifiziertes

Personal. Auf Länderebene gelte die Altenpflege als «Engpassberuf»,

sagt Kristian Veil, Sprecher der Regionaldirektion

Sachsen-Anhalt-Thüringen von der Bundesagentur für Arbeit. «Hier

übersteigt die Nachfrage nach Fachkräften das Angebot an

Fachkräften.»

 

Die Jahresdurchschnittswerte der Arbeitsagentur zeigen: Während die

Zahl der Arbeitslosen in der Altenpflege seit 2013 deutlich

zurückgegangen ist, hat sich die Zahl der gemeldeten freien Stellen

fast verdoppelt. In der Gesundheits- und Krankenpflege gab es im

Dezember 2017 sogar mehr unbesetzte Stellen als Arbeitslose.

 

Während also der Bedarf an Pflegekräften steigt, sinkt das Interesse

junger Menschen, in der Branche zu arbeiten. Zwischen 2012 und 2016

hat die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Auszubildenden in der

Altenpflege stetig abgenommen. Auch das IWK kämpft mit fehlendem

Nachwuchs. «Die Bewerberzahl ist in den vergangenen zehn Jahren

rapide runtergegangen», sagt Pflegefachdozentin Manuela Ball, die am

IWK die Gesamtschüler unterrichtet.

 

Während es früher Jahre mit zwei Klassen gab, müsse man sich heute

anstrengen, genügend Schüler für eine Klasse zu finden. Den Grund

sieht sie vor allem im schlechten Image der Pflegeberufe. «Es ist

dringend notwendig, das Bild aufzuwerten. Es muss eine größere

Würdigung für Pflegekräfte und mehr Anerkennung für den Beruf als

solchen geben», fordert Ball. An diesem Punkt soll nun das Schulfach

Pflege ansetzen.

 

Die Teilnehmer haben das Fach statt einer zweiten Fremdsprache

gewählt. Und der Unterricht mit vielen Exkursionen und praktischen

Übungen - unter anderem auch einem Erste-Hilfe-Kurs - scheint bei

ihnen anzukommen. «Eigentlich wollte ich Polizist werden», erzählt

Justin Jacobs, einer von vier Jungen in dem Kurs. Seit diesem

Schuljahr stehe aber Pfleger auf seiner Berufswunsch-Liste ganz oben.

Das Praktikum habe er im Krankenhaus absolviert und dort beim Waschen

von Patienten und beim Verbandswechsel geholfen. Berührungsängste

habe er keine gehabt, im Gegenteil: «Das hat auf jeden Fall Spaß

gemacht.»

 

Mittlerweile sei die Kooperation sogar bundesweit bekannt geworden,

berichtet Personalleiterin Girschik, unter anderem durch Berichte in

mehreren Fachzeitschriften. «Innerhalb der Volkssolidarität gab es

bereits Anfragen von anderen Landesverbänden zu dem Projekt. Viele

waren überrascht, wie das funktioniert», berichtet sie. Lehrerin

Manuela Ball hat eine Erklärung dafür: «Die meisten der Schüler in

dem Kurs haben schon Misserfolge in der Schule hinter sich.» Im

Pflege-Unterricht würden nun Fähigkeiten hervorkommen, von denen die

Jugendlichen oft selbst nichts wussten. «Wir merken dann richtig: Die

Schüler haben eine hohe soziale Kompetenz.»

 

Wenn es nach den Beteiligten geht, soll die Kooperation langfristig

fortgesetzt werden. Das Problem, dass Fachkräfte und Nachwuchs in der

Pflegebranche fehlen, werde schließlich nicht so schnell

verschwinden, sagt Girschik. Erste Erfolge, als Arbeitgeber stärker

an die Öffentlichkeit zu gehen, zeigten sich bereis: Für den

Ausbildungsstart im August, berichtet sie, gebe es schon jetzt

mehrere Bewerbungen.