Agenturmeldungen

Cannabis-Patienten kommen nur schwer an ihre Medizin

28.07.2017

Vor allem Schmerzpatienten haben große Hoffnung in das Gesetz
«Cannabis als Medizin» gesetzt. Doch offensichtlich gibt es
erhebliche Schwierigkeiten bei der Versorgung.

Berlin (dpa) - Die Versorgung schwer kranker Patienten mit
medizinischem Cannabis funktioniert offenbar auch vier Monate nach
Inkrafttreten der Gesetzesänderung immer noch nicht richtig. Der
stellvertretende Linken-Fraktionsvorsitzende Frank Tempel sagte der
Deutschen Presse-Agentur: «Von Patienten mit Besitzerlaubnis weiß
ich, dass die Krankenkassen nicht immer die Kosten für die Medizin
erstatten.» Weiteres Problem seien Lieferengpässe bei den Apotheken.

Das Gesetz «Cannabis als Medizin» ist am 10. März in Kraft getreten.
Ein Ziel ist eine bessere Schmerzlinderung schwer kranker Menschen.
Das Gesetz regelt den Einsatz von Cannabisarzneimitteln, wenn andere
nicht mehr helfen. Das muss allerdings ein Arzt entscheiden. 

Nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken
hat erst gut ein Drittel der rund 1000 angeschriebenen Patienten,
zumeist Schmerzpatienten, ihre persönlich erteilte Ausnahmeerlaubnis
zur Anwendung von Cannabis, wie vorgesehen, an das Bundesinstitut für
Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zurückgeschickt. «Die
geringe Quote an Rücksendungen ist ein Indiz dafür, dass das Gesetz
nicht für alle funktioniert, obwohl es gerade für die Patienten mit
einer Ausnahmegenehmigung gemacht wurde», sagte Tempel.

Nach Einschätzung des Deutschen Hanfverbandes stieg die Zahl der
Patienten, die Cannabis als Medizin konsumieren, seit Inkrafttreten
des Gesetzes Mitte März erheblich. Bis Anfang Juli habe etwa die
Techniker Krankenkasse (TK) 522 von 863 Anträgen genehmigt. Bei den
Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) gingen nach Angaben ihres
Bundesverbandes bis jetzt um die 3300 Anträge ein, bisher sei die
Hälfte genehmigt worden, die Zahl könne aber noch steigen, sagte eine
Sprecherin. Über die Zahl der Patienten, die sich seit März ein
Cannabis-Rezept auf Selbstzahlerbasis ausstellen ließen, gibt es
keine näheren Erkenntnisse, so der Hanfverband.

Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) weist
indessen darauf hin, dass das Gesetz keine klaren Kriterien
definiere. Deshalb müssten die Kassen jeden einzelnen Fall bewerten
und entscheiden. Denn bei Cannabis müsse nicht - wie bei anderen
Medikamenten - vorab anhand von Studien nachgewiesen werden, dass es
sicher wirke. Auch fehlten verlässliche Informationen zu Neben- und
Wechselwirkungen, erklärte die stellvertretende Sprecherin des
GKV-Spitzenverbandes, Ann Marini. «Wir werden also frühestens in
einigen Jahren jene Kenntnisse zu Cannabis haben, die andere
Medikamente bei der Zulassung vorlegen müssen, damit die gesetzlichen
Krankenkassen die Kosten übernehmen.»

Auch wenn Kassen jeden Einzelfall überprüfen müssen, geht
Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) die Versorgung offenbar nicht
schnell genug. Er wies Mitte Juli in einem Brief an Tempel und die
Linksfraktion darauf hin, dass die Regierung nach Berichten über
häufige Ablehnungen von Anträgen vom GKV-Spitzenverband einen Bericht
über die Versorgungssituation angefordert habe.

Tempel wies zudem auf Berichte von Patienten hin, die von
Lieferengpässen bis hinein in den September ausgingen. Die
stellvertretende Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher
Apothekerverbände, Ursula Sellerberg, räumte gegenüber den «Kieler
Nachrichten» ein: «Es gibt Lieferengpässe bei so gut wie allen
Cannabisblüten.» Grund sei die gestiegene Nachfrage.

Für die medizinische Anwendung ist besonders reines Cannabis
notwendig. Dies sei lizenziert derzeit vorwiegend in den Niederlanden
und in Kanada zu beziehen. Der Hanfverband beklagt denn auch, die
deutschen Patienten bekämen nur die Reste, die dort für die eigenen
Programme nicht benötigt würden. Bis deutsche Produzenten in das
erhofft lukrative Geschäft einsteigen können, dürfte es noch dauern.