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Chirurgen wollen Gesichter mit Plasma und Seide heilen

03.06.2016

Nach Operationen und Verletzungen im Gesicht ist eine Wiederherstellung besonders wichtig. Bislang verpflanzen Chirurgen Haut- und Knochenpartien oder setzen Platten aus Titan ein. Doch bald soll es Materialien geben, die keine sichtbaren Spuren hinterlassen.

Hamburg (dpa) - Ohne die Transplantation von Haut und Knochen wollen Chirurgen in der Zukunft das Gesicht von Krebspatienten und Unfallopfern wieder herstellen. Sie hoffen, das Wachstum von Zellen und neuen Gewebes mit Hilfe von kaltem Plasma, Membranen aus Seide und Knochenplatten aus abbaubarem Magnesium zu fördern und zu steuern, wie Mediziner auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) am Donnerstag in Hamburg erklärten. Bei Gewebetransplantationen bleibe immer ein Schaden an anderer Stelle des Körpers zurück, erklärte Kongresspräsident Max Heiland. Darum sei seine Vision: «Wenn ich mal in Rente gehe in 20 Jahren, dann wollen wir eigentlich von den Transplantaten weg sein.» 

Geräte für die Behandlung mit kaltem Plasma seien bereits in Greifswald, Göttingen und Japan entwickelt worden, sagte der Greifswalder Chirurg und Leiter des Nationalen Zentrums für Plasmamedizin, Hans-Robert Metelmann. Die Geräte produzieren einen feinen Lichtstrahl aus kaltem physikalischen Plasma - das ist ein Aggregatzustand, bei dem sich die Elektronen aus ihrer atomaren Umlaufbahn lösen. Dort, wo Ärzte den Strahl hinsenden, verschwinden laut Metelmann Krebszellen und Wundbakterien sterben. Ein Tumor an der Zunge etwa falle einfach ab und neues Gewebe mit Blutgefäßen könne nachwachsen. Diese Forschung sei sehr vielversprechend, sagte der Hannoveraner Mediziner Gerd Gehrke.

Ralf Smeets vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf setzt große Hoffnungen auf resorbierbare Seide. Die Pflaster und Membranen sollen aber nicht nur selbst auflösend sein, sondern auch antibakteriell wirken. Dafür züchten die Forscher Seidenraupen, deren Gene sie verändert haben. Smeets glaubt, dass die Seidenpflaster keine Nebenwirkungen haben werden. Denn sie wirken ihm zufolge nur direkt an der Wunde. Es gebe keinen Wirkstoff, der im Körper zirkulieren könnte.

Andere Seidenmembranen haben weitere Fähigkeiten: Werden Fettzellen auf die Membranen aufgetragen, so werde ihr Wachstum angeregt, sagte Smeets. Das könnte nicht nur bei der Wiederherstellung des Gesichts wichtig sein. Bei Brustvergrößerungen könnte eines Tages auf Silikonkissen verzichtet werden. Stattdessen würden die Ärzte Seidenmembranen nehmen, auf denen sie Fettzellen züchten.

Das heute bei Implantaten verwendete Titan will Smeets durch Magnesium ersetzen. Magnesium sei im Körper abbaubar und habe bessere Eigenschaften als Titan. Es gebe nur ein Problem: Im Kontakt mit Wasser bilde dieses Metall ein Hydroxid. Wenn sich ein Gramm Magnesium zu dem Hydroxid umwandle, entstehe zugleich ein Liter Wasserstoff. In Zusammenarbeit mit Ingenieuren haben die Hamburger Forscher nun chirurgische Schrauben entwickelt, deren Oberflächen verändert wurden. Dadurch bilde sich sehr viel weniger Wasserstoff. Dennoch seien die Schrauben noch abbaubar.  

Smeets und seine Kollegen hoffen, die Magnesiumschrauben erstmals 2017 einem Patienten einsetzen zu können. Ein späteres Entfernen der Teile bei einer zweiten Operation wären nicht mehr nötig.

Doch auch mit den derzeitigen Techniken können die Chirurgen ein versehrtes Gesicht in vielen Fällen wieder herstellen. Gehrke präsentierte eine 48 Jahre alte Patientin, die nach Notversorgung einer Bagatellverletzung an der Stirn eine schwere Blutvergiftung bekam. Große Hautpartien im Gesicht einschließlich der Augenlider starben ab. Ihre Unterschenkel mussten amputiert werden, doch ihr Gesicht ist per Transplantation weitgehend geheilt.

Gehrkes aktuell größte Herausforderung ist ein 23 Jahre alter Jurastudent aus Syrien, dem ein Granatsplitter Teile der Oberlippe und des Oberkiefers wegriss. Der Flüchtling sei bereits in Jordanien notversorgt worden, erklärte Gehrke. Er und seine Kollegen, haben ihm jetzt ein Stück Knochen aus dem Becken in den Kiefer eingesetzt. Aber es sind noch weitere Operationen notwendig. Doch Gehrke ist sich sicher: «In ein, zwei Monaten ist die Rekonstruktion abgeschlossen.»