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Coronavirus: «Deutlich infektiöser als ursprünglich angenommen»

06.02.2020

 

Trotz beispielloser Maßnahmen verbreitet sich das Coronavirus
in China immer weiter. Was ist das für ein Erreger, der die Welt so
in Atem hält? Die wichtigsten Antworten.

Berlin/Hannover (dpa) - Seit seinem Auftauchen im Dezember wird das
neue Coronavirus 2019-nCoV intensiv erforscht. In etlichen Studien
sammeln Forscher Erkenntnisse etwa zu Ansteckungsgefahr und Genetik.
Was bisher bekannt ist - und was nicht:

Wie ansteckend ist das neue Coronavirus?

Diese Frage lässt sich zurzeit nur schwer beantworten. Klar ist, dass
sich das Virus durch Tröpfcheninfektion - etwa beim Husten und
Sprechen - verbreitet. «Der Erreger ist deutlich infektiöser als
ursprünglich angenommen», sagt der Infektionsepidemiologe Lars
Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI).

Viele Details der Infektion seien noch ungeklärt, sagt der Virologe
Christian Drosten von der Berliner Charité. «Das lässt sich nicht
genau rekonstruieren. Man bekommt das Virus vermutlich ähnlich, wie
man sich eine Erkältung einfängt.» Dass auch symptomfreie Menschen
infektiös sein können, wie vereinzelt berichtet, hält Drosten für
eher unwahrscheinlich.

Nach Auskunft chinesischer Mediziner kann sich das Virus
möglicherweise auch über das Verdauungssystem verbreiten. Sie hatten
den Erreger in Stuhlproben gefunden, nachdem sie festgestellt hatten,
dass einige Patienten Durchfall statt üblicherweise Fieber bekommen
hatten. Nach RKI-Angaben ist jedoch noch nicht abschließend geklärt,
ob man sich tatsächlich auf diese Weise anstecken kann. Auch von der
Mutter auf das Neugeborene ist das Virus nach Erkenntnissen in China
wahrscheinlich übertragbar.  

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen der schnellen Ausbreitung in
China und der Tatsache, dass sich in anderen Ländern bisher nur
wenige Menschen angesteckt haben. Der Virologe Thomas Schulz von der
Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erklärt das auch damit, dass
der Erreger in China vermutlich schon Wochen zirkulierte, bevor die
Behörden rigorose Maßnahmen ergriffen. «Hätte man das einen Monat
früher gemacht, wäre die Situation vermutlich nicht so eskaliert»,
sagt Schulz.

Welche Symptome verursacht das neue Coronavirus?

Der Erreger infiziert vor allem Zellen der unteren Atemwege. Dadurch
scheinen manche Symptome einer Erkältung wie etwa Fließschnupfen
nicht aufzutreten. Generell sind die Symptome der neuen
Lungenkrankheit unspezifisch. Fieber, trockener Husten und
Atemprobleme können auch bei einer Grippe auftreten. «Es reicht nicht
aus, nur fieberhafte Personen zu testen», sagt Drosten. «Manche
Menschen haben nur eine leichte Erkältungssymptomatik mit Frösteln
und Halsschmerzen.» Mitunter können Patienten auch Kopfschmerzen oder
Durchfall haben.

Die Inkubationszeit - der Zeitraum zwischen Infektion und Beginn von
Symptomen - beträgt 2 bis 14 Tage. Deshalb werden Verdachtsfälle zwei
Wochen isoliert. Nachgewiesen wird eine Infektion meist durch den
Nachweis von Erbgut des Coronavirus im Sputum, dem schleimigen
Auswurf beim Husten.

Wie gefährlich ist der Erreger?

Das lässt sich momentan kaum beantworten. Der Anteil der Infizierten,
der an der Lungenerkrankung stirbt, liegt nach derzeitigen Daten in
China bei etwa 2 Prozent - höher als bei einer Grippe. Bei den
Grippe-Pandemien 1957 und 1968 lag die Fallsterblichkeit nach Angaben
von Drosten bei etwa 0,1 Prozent.

Den hohen Wert in China erklärt der Experte mit dem Umstand, dass
dort vor allem schwere Fälle bekannt werden. «Viele Menschen melden
sich in China erst dann, wenn sie wirklich krank sind. Diese Fälle
sind nicht repräsentativ.»

«Wir kennen die tatsächlichen Fallzahlen nicht», sagt Schaade.
Außerhalb Chinas ist die Fallsterblichkeit gegenwärtig geringer. Die
geringe Todesrate sei zunächst ermutigend, «aber wir müssen das
weiter beobachten», sagt Schaade.

Clemens Wendtner, der in der München Klinik Schwabing sieben
Infizierte betreut, geht davon aus, dass «die Sterblichkeit deutlich
unter einem Prozent liegt, eher sogar im Promillebereich». «Mit einer
sehr, sehr gefährlichen Erkrankung hat das nicht viel zu tun», sagt
er.

Wie lässt sich die neue Lungenkrankheit behandeln?

Eine spezielle Therapie für die Erkrankung gibt es nicht. Schwer
erkrankte Patienten werden symptomatisch behandelt: mit
fiebersenkenden Mitteln, der Therapie etwaiger bakterieller
Zusatzinfektionen und mitunter mechanischer Beatmung.

Lässt sich die Epidemie mit den bestehenden Aktionen stoppen?

Die Coronavirus-Epidemie werde ihren Höhepunkt Mitte bis Ende
nächster Woche erreichen, sagte der Chef des nationalen Expertenteams
im Kampf gegen das Coronavirus, Zhong Nanshan, am Montag. Ob das
realistisch ist, lässt sich deutschen Experten zufolge kaum
abschätzen. «Ich kenne die Daten und Modelle der Chinesen nicht»,
sagt Schulz, er tendiert aber zu Skepsis. «Im Augenblick geht die
Kurve noch steil nach oben.» Der Infektionsepidemiologe Schaade
stimmt zu: «Ich wäre mit Prognosen sehr vorsichtig.»

Drosten ergänzt: «Entscheidend ist, ob China es schafft, die
Übertragungen zu stoppen. Das kann ich mir schon vorstellen.» Hinzu
komme jedoch eine zweite Frage, betont er: Nistet sich das Virus in
Ländern mit schlechtem Gesundheitssystem etwa in Afrika oder Asien
ein, wo es kaum noch zu kontrollieren wäre? Dann drohe dauerhaft eine
neue Lungenkrankheit auf der Welt.

Schulz vermutet, dass die Krankheit in China mit Beginn der wärmeren
Jahreszeit zurückgehen wird - ähnlich wie bei Grippe und Erkältungen.
«Die Frage ist, ob sie nächstes Jahr wiederkommt.»