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Covid-19: Spahn gegen Grenzschließungen - Experte: «milde Erkrankung»

02.03.2020

Auch in Deutschland steigt die Zahl erfasster Infektionen mit dem
neuen Coronavirus von Tag zu Tag deutlich. Die Reaktion darauf müsse
verhältnismäßig und angemessen ausfallen, betont Minister Jens Spahn.
Oberstes Ziel ist ein Verlangsamen der Epidemie.

Berlin (dpa) - Schulschließungen und die Absage bestimmter
Veranstaltungen - aber keine Schließung von Grenzen: Die Maßnahmen
gegen eine Ausbreitung des neuen Coronavirus sollten verhältnismäßig
und angemessen ausfallen, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
(CDU) am Montag in Berlin. Eine generelle vorsorgliche Absage von
Großveranstaltungen sei ebenso wie eine generelle Schließung von
Unternehmen bei einzelnen Nachweisen unter Mitarbeitern nicht ratsam.
«An bestimmten Stellen in Deutschland wird der Alltag ein Stück
eingeschränkt sein müssen», betonte der Minister aber auch.

Bis zum Nachmittag waren beim Robert Koch-Institut (RKI) bundesweit
157 Sars-CoV-2-Infektionen erfasst, mehr als die Hälfte davon allein
in Nordrhein-Westfalen. Das Institut stufte die Risikoeinschätzung
für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland von «gering bis
mäßig» auf «mäßig» hoch. Für die EU stufte die EU-Gesundheitsagentur
ECDC das Risiko von «moderat» auf «hoch» herauf, wie
EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen mitteilte.

In mehreren Ländern weltweit steigen die Covid-19-Zahlen rasant, rund
90 000 Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 und mehr als 3000
Todesfälle sind inzwischen erfasst. Binnen etwa eines Tages wurden
Nachweise in mehreren zuvor nicht betroffenen Millionen-Metropolen
gemeldet, darunter Berlin, Moskau, Delhi und New York. In Deutschland
wurden inzwischen in 10 der 16 Bundesländer Infektionen nachgewiesen,
lediglich im Saarland und den meisten neuen Bundesländern gab es
zunächst keine Meldungen. Die Lage sei sehr dynamisch und müsse jeden
Tag neu bewertet werden, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler.

Das Schließen von Grenzen oder das Beschränken von Reisefreiheit in
Europa wäre kein angemessener oder verhältnismäßiger Schritt, sagte
Spahn. Er wandte sich auch gegen eine Einstellung von Direktflügen
etwa zwischen China und Deutschland. Für Großveranstaltungen sei
unter anderem zu betrachten, ob Teilnehmer aus Risikogebieten
erwartet würden. Auch für Unternehmen müsse es eine abgestufte
Risikobewertung geben.

Bei der Ausbreitung des neuen Coronavirus geht es demnach in den
kommenden Wochen vor allem um eine Verzögerung der Epidemie. Je
besser es gelinge, die Rate der Ansteckungen kleinzuhalten, desto
geringer werde der Druck auf das Medizinsystem und die Gesellschaft
sein, sagte auch der Virologe Christian Drosten. Bei Maßnahmen wie
Schulschließungen und Veranstaltungsabsagen gehe es nicht
vordringlich um das Risiko für den Einzelnen, betonte er. Covid-19
sei eine milde Erkrankung, im Grunde eine Art Erkältung, die meist
rasch überstanden oder von vorherein kaum zu spüren sei. Mit den
Maßnahmen lasse sich aber die Verbreitung eindämmen - und es mache
einen riesigen Unterschied, ob eine Ausbreitungswelle eine
Bevölkerung binnen weniger Wochen oder auf zwei Jahre verteilt zu
großen Teilen erfasse.

Nach den derzeitigen Daten liege die Covid-19-Todesrate bei 0,3 bis
0,7 Prozent, sagte Drosten. Das bedeutet, dass von 1000 Infizierten 3
bis 7 sterben. Wahrscheinlich liege die tatsächliche Rate sogar noch
darunter, erklärte der renommierte Virologe von der Berliner Charité.
Am schwersten abzuschätzen sei derzeit, mit welcher Geschwindigkeit
sich das Virus ausbreite. Es gebe Hinweise, dass ein Infizierter im
Mittel drei weitere Menschen ansteckt - dieser Wert sei aber mit
großen Unsicherheiten behaftet. Gestoppt wird eine Epidemie dann,
wenn ein Infizierter statistisch im Durchschnitt weniger als einen
weiteren Menschen ansteckt.

Zunächst allerdings ist auch in Deutschland weiter von einem
deutlichen Anstieg der Fallzahlen und neu entdeckten Infektionsketten
auszugehen. So wurde in Berlin erstmals eine Ansteckung erfasst - und
das nur zufällig: Die Infektion bei einem 22-Jährigen wurde bemerkt,
weil die Charité Influenza- und Coronavirus-Test verbindet. Der Mann
war am Sonntag mit neurologischen Symptomen in die Notaufnahme
gebracht worden. Er wird nun isoliert im Virchow-Klinikum der Charité
behandelt.

Wie der seit rund zwei Wochen unter Erkältungssymptomen leidende Mann
sich mit Sars-CoV-2 infizierte, war zunächst unklar. «Es gibt eine
leise Spur nach Nordrhein-Westfalen», sagte Charité-Vorstand Ulrich
Frei. Die Eltern des Mannes leben dort und hatten ihn besucht.

Nordrhein-Westfalen ist derzeit mit mehr als 90 Nachweisen das am
schwersten betroffene Bundesland. Allein im Kreis Heinsberg waren bis
Montagmittag 78 Infektionen bekannt, wie ein Sprecher des Kreises
mitteilte. Für den schwer erkrankten 47-Jährigen, der seit Tagen in
der Düsseldorfer Universitätsklinik behandelt wird, gebe es nach wie
vor keine Entwarnung, hieß es zudem. Der Mann und seine ein Jahr
jüngere Frau hatten am 15. Februar in Gangelt bei einer Sitzung
Karneval gefeiert. Zahlreiche Menschen sollen sich auf der Feier
angesteckt haben.

Das Virus Sars-CoV-2 kann die Erkrankung Covid-19 verursachen. Die
meisten Infizierten haben nur eine leichte Erkältungssymptomatik mit
Frösteln und Halsschmerzen, die binnen weniger Tage verschwindet,
oder gar keine Symptome. Etwa 15 von 100 Infizierten erkranken
schwer, wie es vom RKI hieß. Sie bekommen etwa Atemprobleme oder eine
Lungenentzündung. Betroffen sind vor allem ältere Menschen oder
solche mit Vorerkrankungen. Vereinzelt kommt es zu Todesfällen.

Behörden in vielen Ländern erlassen derzeit Maßnahmen wie
Schulschließungen und eine Quarantäne für Verdachtsfälle. Bei manchen
Menschen lässt das den Eindruck entstehen, es müsse sich bei Covid-19
um eine besonders gefährliche Erkrankung handeln. Der Hintergrund
solcher Maßnahmen ist aber ein anderer: Eine ungebremste
Infektionswelle könnte unter anderem volle Wartebereiche und
Arztpraxen, belegte Intensivbetten und überlastete Gesundheitsämter
bedeuten. Daher ist das Ziel, die Ausbreitung über einen möglichst
langen Zeitraum zu strecken. In etwa einem Jahr könnte es eine
schützende Impfung gegen den neuen Erreger geben.

Die Inkubationszeit - der Zeitraum zwischen Infektion und Beginn von
Symptomen - beträgt nach derzeitigem Stand meist 2 bis 14 Tage. Das
ist der Grund dafür, dass Verdachtsfälle derzeit meist etwa zwei
Wochen lang isoliert werden.

In Europa ist Italien das am stärksten von der Covid-19-Epidemie
betroffene Land. Es ist zudem eines der nach offizieller Statistik am
stärksten von der Epidemie erfassten Länder der Welt - bei vielen
Staaten gehen Experten allerdings von einer hohen Dunkelziffer nicht
erfasster Fälle aus. Bis zum Sonntagabend waren in Italien 1700
Infektionen erfasst, darunter 34 Todesfälle.

Insgesamt wurden nach Angaben der EU-Kommission inzwischen deutlich
mehr als 2000 Sars-CoV-2-Infektionen in 18 EU-Staaten nachgewiesen.
In den fünf nordischen Ländern gab es bis zum Montag rund 40
bestätigte Fälle, in Frankreich rund 130, in Spanien deutlich über
100, in Großbritannien etwa 40. Auch aus Portugal gab es erste
Meldungen zu eingeschleppten Infektionen. Weltweit ist neben dem
Ursprungsland China weiterhin Südkorea am stärksten von Covid-19
betroffen. Dort stieg die Zahl nachgewiesener Infektionen auf mehr
als 4300, mehr als 25 Todesfälle sind inzwischen erfasst.

Die wirtschaftlichen Folgen der Epidemie machen sich immer stärker
bemerkbar. Die Industriestaaten-Organisation OECD erwartet im
laufenden Jahr nur noch ein Wachstum der globalen Wirtschaft von 2,4
Prozent. Das ist ein halber Prozentpunkt weniger als zuletzt
vorhergesagt. Im Vorjahr hatte die Wirtschaft weltweit noch um 2,9
Prozent zugelegt.