Agenturmeldungen

Diskussion um das Brustkrebs-Screening - «Medizin kann mehr»

19.06.2018

Brustkrebs ist ein Frauen-Killer. 17 000 Tote gibt es allein in
Deutschland jedes Jahr. Seit fast zehn Jahren läuft zur besseren
Früherkennung das Mammographie-Screening-Programm. Es zeigt Erfolge,
sagen viele Experten. Aber geht da noch mehr?

Berlin (dpa) - Manchmal kriecht die Erinnerung hoch. Ein Arztzimmer,
ein Schreibtisch, zwei Stühle. Sterile Atmosphäre. Auf dem Tisch
liegt ein bedruckter Zettel, es ist der Überweisungsschein fürs
Krankenhaus. «Lässt sich das nicht besser noch ein bisschen
beobachten?», fragt Andrea Idstein*. «Sie haben Brustkrebs, da
brauchen Sie nicht drumrumzureden», lautet die schroffe Antwort des
Mediziners. Es fühlt sich an wie ein Faustschlag.

Bis heute ist sich Andrea Idstein nicht sicher, ob die schnelle
Operation und die Strahlentherapie bei ihrer Vorstufe von Brustkrebs
wirklich nötig waren. «Da bleibt ein Zwiespalt», sagt die 59-jährige
Berlinerin.

Mammographie-Screening-Programm, oft «Mammo-Programm» genannt.  Das
steht für eine Röntgenuntersuchung der Brust, ein kostenloses
Krebsfrüherkennungs-Angebot für gesetzlich versicherte Frauen
zwischen 50 und 69 Jahren in Deutschland. 

Kritiker sehen Probleme. «Das deutsche Screening-Programm ist eine
Antwort auf die Herausforderung Brustkrebs, die vor 30 bis 40 Jahren
angemessen war», sagt Christiane Kuhl, Direktorin der Radiologischen
Klinik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.
«Heute können wir aber sowohl das individuelle Risiko besser
einschätzen als auch daran angepasste Untersuchungsmethoden wählen.»

Andrea Idstein hat die Info-Broschüren der Kooperationsgemeinschaft
Mammographie nur überflogen. Von der Diskussion um Methoden wusste
sie damals nichts. Ein Routine-Check. Das klang sinnvoll, warum
nicht. Rund die Hälfte der angeschriebenen Frauen in Deutschland
reagiert so. Nach der Mammografie bekam Andrea Idstein Post: eine
Einladung zu weiterer Abklärung, weil das Röntgenbild Auffälligkeiten
zeigte. Um Gewissheit über Brustkrebs oder Vorstufen zu bekommen,
entnahmen Ärzte ihr mit einer Nadel eine Gewebeprobe.

Diese Phase und das Warten auf ein Ergebnis ist für viele Frauen die
schwerste. «Man steht quasi neben sich», sagt Idstein. «Das kann nur
jemand nachfühlen, der das selbst erlebt hat.» Die Angst kommt nicht
von ungefähr. Brustkrebs ist die Krebsart, die Frauen in Deutschland
mit Abstand am häufigsten trifft. Rund 69 000 Neuerkrankungen gibt es
im Jahr und 17 000 Todesfälle.

Bisher klingt das Mammo-Programm nach Erfolgsgeschichte.
«Bemerkenswert ist jetzt schon, dass die großen Brustkrebs-Karzinome
in der Gesamtbevölkerung abnehmen», sagt Frauenärztin Karin Bock,
Leiterin des Referenzzentrums Mammographie Süd West in Marburg. Es
gebe weniger große Tumoren, weil die kleinen früher entdeckt würden.
Je weniger große Tumore, desto weniger Todesfälle durch Brustkrebs -
das ist die Logik der Kooperationsgemeinschaft Mammographie.

Diese Argumentation ist für die Forscherin Christiane Kuhl
nachvollziehbar. Dennoch findet sie, dass es an der Zeit ist, das
Programm zu verbessern. Das Ziel von Früherkennung müsse heute sein,
effektiv solche Karzinome möglichst früh zu entdecken, die potenziell
tödlich für die betroffene Frau sind.

Auffälligkeiten, die ohne Behandlung keinen Schaden anrichten würden,
sollten undiagnostiziert bleiben. Für diese Zwecke sei die
Magnetresonanztomographie (MRT) der bislang allein empfohlenen
Röntgen-Mammographie überlegen, und das ganz ohne Strahlenbelastung,
so Kuhls Standpunkt. Mit Erfahrungen zu MRTs in anderen Staaten kann
sie allerdings noch nicht aufwarten. Große Untersuchungen dazu laufen
noch oder beginnen gerade erst. Ende des Jahres werden Ergebnisse
einer in den USA koordinierten Studie erwartet.

Welche Art von Tumoren findet man mit welcher Methode? Und wie hoch
ist jeweils die Gefahr von Über- oder Unterdiagnosen? Die Ansichten
dazu gehen in den Fachgesellschaften weit auseinander. Die Deutsche
Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (Degum) zum Beispiel ist
der Meinung, dass Ultraschall das Mammografie-Screening ergänzen
sollte. Damit könnten bis zu 45 Prozent mehr wuchernde Karzinome
erkannt werden, heißt es dort.

«Es geht nicht darum, immer mehr Auffälligkeiten zu finden. Es geht
darum, dass es weniger Brustkrebstote gibt», betont Oliver Heidinger,
Geschäftsführer des Krebsregisters in Nordrhein-Westfalen. «Das Mehr
an Diagnosen ist da nicht automatisch ein Benefit.» Nach seiner
Einschätzung ist das laufende Programm auf keinen Fall ein Fehler.
«Wir produzieren hier ein lernendes System. Das hatten wir vorher
nicht.»

Heidingers bisherige Ergebnisse sprechen aus seiner Sicht für das
Mammo-Programm. Bei Frauen, die regelmäßig zum Check gingen, fänden
Radiologen insbesondere aggressive Tumore. In der Gesamtbevölkerung
der Stadt Münster zum Beispiel habe Zahl fortgeschrittener
Tumorstadien seit dem Start des Programms abgenommen.

«Das Screening ist Mindeststandard, aber sicher nicht der
Goldstandard», sagt Annette Kruse-Keirath, die der
Patientenorganisation Allianz gegen Brustkrebs vorsteht. «Medizin
kann mehr.» Frauen mit dichtem Brustgewebe etwa bräuchten keine
Röntgenuntersuchung, weil man darauf ohnehin wenig sehe, sondern
direkt einen Ultraschall oder ein MRT. «Wir brauchen einfach
unterschiedliche Methoden der Früherkennung.»

Die Radiologin Kuhl sähe es als sinnvoll an, zunächst das
individuelle Risiko einer Frau mit den inzwischen verfügbaren Mitteln
möglichst genau zu ermitteln. Es gebe Frauen mit so niedrigem
Brustkrebs-Risiko, dass regelmäßige Früherkennungs-Runden
wahrscheinlich unnötig sind. Solche, bei denen die Mammographie
ausreiche. Und eben Frauen, die von Anfang an eine andere oder
intensivere Früherkennung benötigen.

«Weil sie zum Beispiel dichtes Drüsengewebe haben oder weil
Familienangehörige bereits an Brustkrebs erkrankt sind», erklärt
Kuhl. «Oder weil Gewebeveränderungen festgestellt wurden, die ein
erhöhtes Erkrankungsrisiko bedeuten.» Für Kuhl wäre das
personalisierte Medizin. «Das Mammographie-Screening-Programm, das
alle Frauen über einen Kamm schert, ist das Gegenteil davon.»

Wie geht es nun weiter? Eine kontinuierliche Weiterentwicklung und
Verbesserung der Brustkrebs-Früherkennung sei anzustreben, sagt Klaus
Kraywinkel im Zentrum für Krebsregisterdaten am Berliner Robert
Koch-Institut (RKI). Allerdings solle vor Einführung neuer Methoden
wie einer zusätzlichen Ultraschall-Untersuchung nachgewiesen sein,
dass sie für Frauen bessere Ergebnisse bringt.

Dieser Nachweis sei aber nicht einfach. Eine Möglichkeit bestünde
darin, unterschiedliche Programme in verschiedenen Regionen
Deutschlands in einer Studie zu vergleichen. «Das ist natürlich sehr
aufwendig und auch in der Öffentlichkeit nicht einfach zu
vermitteln», so Kraywinkel. Doch auf genau solchen Studien beruhe
letztlich die Entscheidung für das laufende Screening-Programm in
Deutschland.