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Ein Leben gegen die Innere Uhr kann krank machen

02.10.2017

Wer einmal Jetlag hatte, weiß, wie wichtig die Innere Uhr fürs
Wohlbefinden ist. Geht sie falsch, kann das krank machen. Wie der
Taktgeber funktioniert, erforschten maßgeblich drei
US-Wissenschaftler. Dafür bekommen sie den Nobelpreis für Medizin.

Berlin (dpa) - Der Jetlag nach einer langen Flugreise kann eine echte
Qual sein. Mitten am Tag fühlt man sich elend müde, nachts hingegen
kann man trotz tiefster Dunkelheit nicht schlafen. Es dauert Tage,
bis sich der Körper an den veränderten Tag-Nacht-Rhythmus der neuen
Zeitzone angepasst hat - und der Jetlag langsam schwindet.

Schuld ist die Trägheit unserer Inneren Uhr. Dieser biologische
Taktgeber steuert zahlreiche Körperfunktionen und beeinflusst neben
dem Schlaf-Wach-Zustand auch Körpertemperatur, Blutdruck und
Immunsystem. Wie diese Uhr auf molekularer Ebene gestellt und
gesteuert wird, haben Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young
maßgeblich miterforscht. Für ihre Entdeckungen bekommen die drei
US-Forscher den Nobelpreis für Medizin.

«Wir wissen heute, dass praktisch alle Zellen in unserem Körper eine
Innere Uhr haben. Die steuert viele Funktionen von der Zellteilung
bis zum Schlaf. Es gibt keinen physiologischen Prozess, der nicht von
der Inneren Uhr beeinflusst wird», erläutert der Chronobiologe Henrik
Oster vom Institut für Neurobiologie der Uni Lübeck.

Nicht nur der Mensch, auch Pflanzen und Tiere haben einen inneren
Taktgeber, der zentrale Lebensprozesse steuert. Welche Gene ihm
zugrunde liegen, wird seit den 1970er Jahren erforscht. Die drei
Nobelpreisträger brachten die Erkenntnisse maßgeblich voran. «Es war
klar, dass bei einem Nobelpreis für die Innere Uhr die drei den Preis
bekommen würden», sagt Achim Kramer, Chronobiologe an der Berliner
Charité.

Eine der wichtigsten Funktionen der Inneren Uhr ist die
Aufrechterhaltung eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus. Einige
Menschen macht die Innere Uhr zu sogenannten Lerchen, die früh in den
Tag starten und abends zeitig ins Bett fallen. Andere kommen als
Eulen erst spät in die Federn - und morgens umso schwerer wieder
heraus. Ändern kann man daran nur wenig, im Gegenteil: Forscher
betonen, wie wichtig es ist, seinem natürlichen Rhythmus zu folgen.

Gerate die Innere Uhr aus dem Takt, etwa durch Schichtarbeit, zu
frühen Schulbeginn oder häufige lange Flugreisen, könnten erhebliche
gesundheitliche Probleme folgen, sagt etwa Chronobiologe Kramer. Bei
Übergewicht, Depressionen, Herz-Kreislauf-, neurologischen und
Magen-Darm-Erkrankungen wird demnach ein Einfluss gestörter
biologischer Rhythmen diskutiert. Selbst die Schwere einer Infektion
hängt mit dem Zeitpunkt der Ansteckung zusammen, fanden Forscher in
einer Studie mit Mäusen: Gibt die Innere Uhr dem Körper gerade eine
Ruhephase vor, können sich Viren erheblich schneller vermehren.

Um die Innere Uhr nicht zu stören, empfehlen Schlafforscher auch, auf
weitgehende Dunkelheit im Schlafzimmer zu achten. Straßenlaternen
können den Mechanismus genauso beeinflussen wie das Licht eines
E-Readers, Tablet-PCs oder Smartphones. Das kann nicht nur krank
machen, sondern auch Alterungsprozesse beschleunigen, wie
Untersuchungen an Mäusen nahelegen. 

Forscher weisen auch darauf hin, dass die Leistungsfähigkeit von
Kindern von der Inneren Uhr mitbestimmt wird. Viele Schüler
entwickelten sich in der Pubertät von Lerchen zu Eulen - für sie
beginne die Schule vielfach zu früh.

Auf die Innere Uhr der Preisträger nahm die Nobelpreis-Jury übrigens
keine Rücksicht. Die Schweden klingelten zumindest zwei der drei
US-Amerikaner nachts aus ihren Betten. «Ich habe fest geschlafen, es
war 5.10 Uhr morgens hier», sagte Michael Rosbash. «Was für eine Art,
aufzuwachen!»