Agenturmeldungen

Ergometer im Klassenzimmer

08.03.2018

Statt auf dem Stuhl zu zappeln, treten Schülerinnen und Schüler in

Bremen in die Pedalen. Nach einem Jahr mit Ergometern im Unterricht

sind die Projektbeteiligten vom Erfolg überzeugt. Aber was sagen die

Kinder?

 

Bremen (dpa) - Wenn der elfjährige Bjarne im Unterricht unruhig wird,

setzt er sich auf ein Ergometer. «Da kann man sich austoben», sagt

der Bremer Schüler, der gerne in die Pedalen tritt. Gleichzeitig

strampeln und lernen ist für ihn kein Problem. «Wenn man auf dem

Ergometer Vokabeln lernt, bleibt es besser im Kopf.»

 

Seit rund einem Jahr gibt es in der Oberschule an der Ronzelenstraße

Heimtrainer im Unterricht. In derzeit sechs Klassen stehen jeweils

zwei bis drei Ergometer mit selbstgebauten hohen Tischen. Abwechselnd

verfolgen die Kinder den Unterricht, während sie in die Pedalen

treten. Die zwölfjährige Jamila findet die Sportgeräte hilfreich.

«Man kann sich darauf gut konzentrieren.» Auf dem Stuhl werde es ihr

schnell langweilig.

 

Aus Sicht der Lehrerinnen und Lehrer haben die Fitnessgeräte viele

positive Auswirkungen. «Insgesamt bringt es der Klasse mehr Ruhe und

den Schülern mehr Konzentration», sagt die Leiterin des sechsten

Jahrgangs, Rebecca Schwenzer. Nach den Erfahrungen des Projektleiters

Harald Wolf wirkt sich die Bewegung auf das Sozialverhalten, die

Lernleistungen und die Gesundheit der Jungen und Mädchen aus. «Die

Kolleginnen und Kollegen sagen übereinstimmend, dass sich die

Lernatmosphäre verbessert hat.»

 

Veränderungen zeigen sich bei manchen Kindern auch im koordinativen

Bereich. «Leon hatte am Anfang Schwierigkeiten vorwärts zu treten»,

sagt die Physiotherapeutin Sabine Buntebart-Michalke über den 13

Jahre alten Schüler mit Down-Syndrom. «Die ganze Körperkoordination

und Haltung hat sich verbessert.» Leon mag die Geräte auch. «Ja,

Spaß», sagt er auf die Frage, ob er die Ergometer gut findet.

 

Welche Auswirkungen Ergometer auf die soziale Kompetenz der Kinder

haben, hat die Studentin der Uni Oldenburg, Stephanie Goddard, in

ihrer Masterarbeit untersucht. Es gebe klare Tendenzen, dass die

Geräte beim Stressabbau hilfreich seien, sagt sie. Der Direktor des

Instituts für Sportwissenschaft der Universität Rostock, Prof. Volker

Zschorlich, hält die Geräte grundsätzlich für sinnvoll. «Die Kinder

sitzen sehr viel, sie haben einen hohen Bewegungsdrang. Da ist

Bewegung nötig.» Zudem könnten die Geräte die Motivation der Kinder

erhöhen. «Lernen hat immer etwas mit Wohlbefinden zu tun.»

 

Nach einem Jahr mit händisch aufgerüsteten Ergometern können die

Kinder der Bremer Ergometerklassen künftig auf professionellen

Geräten arbeiten. Ein Hersteller hat in Zusammenarbeit mit der Schule

das nach eigenen Angaben weltweit erste Schul-Ergometer mit

Tischplatte und Buchstütze entwickelt. «Früher hatten wir Tische, die

waren locker. Da konnten wir nicht so gut schreiben», sagt der

zwölfjährige Sepehr. «Jetzt sind die Tische fest, das geht besser.»

 

Die Idee für Ergometer-Klassen stammt aus Österreich. Der Wiener

Sportwissenschaftler und Gymnasiallehrer Martin Jorde initiierte die

erste Klasse 2007 an einem Wiener Gymnasium. Er stellte bei seinen

Schülern positive Veränderungen in der Fitness, bei den Noten und im

Sozialverhalten fest. Die erste deutsche Schule mit Ergometern im

Klassenzimmer war 2016 ein Gymnasium in Aschaffenburg, die Bremer

Schule folgte ein Jahr später.

 

Bundesweit gehen Schulen zunehmend kreative Wege, um die

Aufmerksamkeit der Kinder zu erhöhen. Einige Hamburger Schulen

benutzen zum Beispiel Sandwesten. Die schweren Kleidungsstücke sollen

unruhigen Schülerinnen und Schülern helfen, den eigenen Körper besser

wahrzunehmen und sich so besser zu konzentrieren.