Agenturmeldungen

Familienangehörige sind der größte Pflegedienst

03.09.2019

Wenn ein Elternteil oder Partner pflegebedürftig wird, ist das für
pflegende Angehörige nicht nur eine körperliche und emotionale
Belastung. Auch finanziell kann es problematisch werden. Forderungen
nach einem Pflegegeld werden laut.

Wiesbaden (dpa) - Die Betreuung und Versorgung pflegebedürftiger
Angehörige ist meist Familiensache: 76 Prozent der Pflegebedürftigen
wurden im Jahr 2017 zu Hause versorgt. Dabei handelte es sich um 2,59
Millionen Menschen, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag
mitteilte. Insgesamt waren Ende 2017 danach 3,41 Millionen Menschen
pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes. Für 2018
gibt es noch keine aktuellen statistischen Angaben.

Die Versorgung durch Angehörige sei «eine Leistung, die nicht hoch
genug geschätzt werden kann», sagte Bundesseniorenministerin
Franziska Giffey (SPD). Die bessere Vereinbarkeit von Pflege und
Beruf müsse als wichtige Zukunftsaufgabe gesehen werden. «Neben dem
bereits bestehenden Anspruch auf Familienpflegezeit brauchen wir
dafür neue Ideen», so Giffey. «Deshalb prüfen wir gerade, wie ein
Konzept für ein Familienpflegegeld aussehen könnte.»

Der Paritätische Wohlfahrtsverband forderte einen Rechtsanspruch auf
Freistellung vom Arbeitsplatz und eine staatliche Lohnersatzleistung
in Anlehnung an das Elterngeld. «Neben verlässlichen
Entlastungsangeboten brauchen pflegende Angehörige einen einklagbaren
Rechtsanspruch, Zeit und materielle Absicherung», sagte
Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Es könne nicht sein, dass
pflegende Angehörige deutlich schlechter gestellt werden als junge
Eltern. Der Anspruch auf befristete Freistellung ohne finanzielle
Absicherung nütze im Ernstfall wenig.

Derzeit fehle ein tragfähiges Konzept, wie pflegende Angehörige
entlastet werden können, betonte auch die Deutsche Stiftung
Patientenschutz. «Warme Worte reichen hier nicht aus», sagte Vortand
Eugen Brysch. Die Darlehensregelung bei den Pflegezeiten sei
gescheitert. «Gerade einmal 200 Darlehen pro Jahr sind eine traurige
Bilanz und ein Armutszeugnis für die Politik», sagte Brysch. «Kein
Mensch nimmt einen Kredit, um weniger arbeiten zu müssen und dafür
Angehörige zu pflegen.» Beruf und Pflege ließen sich nur dann
vereinbaren, wenn es für pflegende Angehörige eine staatlich
finanzierte Lohnersatzleistung ähnlich dem Elterngeld gebe.

Die Pflegeexpertin der Linksfraktion im Bundestag, Pia Zimmermann,
führte die hohe Zahl pflegender Angehöriger auch auf die fehlende
Zahl oder Bezahlbarkeit professioneller Pflegeangebote zurück. Nötig
sei ein umfassendes System sozialer Sicherung und mehr Unterstützung.
Linksparteichef Bernd Riexinger sagte: «Ein völlig kaputt gespartes
Pflegesystem wird ganz sicher nicht dazu führen, dass dort die
best-mögliche Pflege geboten wird.»

Für die Fachsprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Nicole Westig,
sind die pflegenden Angehörigen «der mit Abstand größte
Pflegedienst». Deswegen müssten die Bedingungen nicht nur für die
professionelle Pflege, sondern auch die Pflege durch Angehörige
dringend verbessert werden. Dazu gehörten unter anderem mehr
niedrigschwellige Angebote zur Beratung und zur Kurzzeit- und
Verhinderungspflege.

Nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes für 2017 übernahmen
die Angehörigen sehr häufig allein die Pflege, nämlich in 1,76
Millionen Fällen. Hinzu kamen 830 000 Pflegebedürftige, die zwar in
privaten Haushalten lebten, dort allerdings teilweise oder
vollständig durch ambulante Pflegedienste versorgt wurden. Knapp ein
Viertel aller Pflegebedürftigen, insgesamt 820 000 Menschen, wurde
vollstationär in Pflegeheimen betreut.