Agenturmeldungen

Fitnessdaten: Chancen und Risiken für Verbraucher und Versicherungen

04.09.2017

 

Seit gut einem Jahr ist der Versicherer Generali mit Tarifen für
gesunde Lebensweise auf dem Markt. Zum Start war die Aufregung groß.
Welche Folgen hat das Modell für Verbraucher und die Branche bisher?

Frankfurt/Main (dpa) - Sie messen Schritte, errechnen verbrauchte
Kalorien und erheben jede Menge individuelle Daten: Fitnessarmbänder
(Wearables) oder Fitnessapps liegen im Trend. Die Nutzung der
Datenflut könnte den Versicherungsmarkt umkrempeln und Folgen für
Verbraucher haben. Noch gibt es allerdings eine Menge Fragezeichen.

Einen ersten Schritt, gesunde Lebensweise mit einem Belohnungssystem
bei der Berufsunfähigkeits- sowie der Risikolebensversicherung zu
verbinden, wagte vor gut einem Jahr der Versicherungskonzern Generali
in Deutschland. Zunächst wird der Gesundheitszustand des Versicherten
ermittelt. Anschließend sammelt er mit Joggen oder dem Kauf von
gesunden Lebensmitteln Punkte fürs Rabatt-Konto. Die Daten werden per
Fitness-Armband oder Kassencomputer an eine Generali-Tochter
übermittelt.

Das Unternehmen wirbt damit, dass die Prämie für die
Berufsunfähigkeitsversicherung oder Risikolebensversicherung dadurch
im Idealfall um 16 Prozent sinken kann. «Das Interesse der Kunden ist
durchaus groß», sagt ein Generali-Sprecher. Genaue Zahlen will das
Unternehmen am Jahresende nennen.

Nachahmer im großen Stil hat das Modell Branchenexperten und
Verbraucherschützern zufolge in Deutschland bisher allerdings nicht
gefunden. «Man braucht eine langfristige und stabile Datenbasis, die
den Zusammenhang zwischen Verhalten und den Auswirkungen auf
bestimmte Risiken sicher abbildet», erläutert Lars Gatschke,
Versicherungsexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv).
«Jemand, der täglich 10 000 Schritte geht, muss nachweisbar ein
geringeres Sterberisiko haben, als jemand, der das nicht macht. Von
solchen Daten sind wir aber noch weit entfernt.»

«Ob daraus ein breiter Trend wird, hängt von der Weiterentwicklung
der Datenerfassung ab», sagt auch Reiner Will, Geschäftsführer der
auf Versicherungen spezialisierten Ratingagentur Assekurata. Generali
habe durch seine Kooperation mit dem südafrikanischen Unternehmen
Discovery, das das Gesundheitsprogramm entwickelt hat, vermutlich
einen gewissen Vorsprung.

Will sieht allerdings ein grundsätzliches Problem: «Mit
Fitness-Tarifen spreche ich Menschen an, die ohnehin schon
gesundheitsbewusst leben. Ob man das auf andere Menschen übertragen
kann, wird man sehen.» Generell müsse sich die Branche überlegen, ob
sie sich künftig vor allem auf attraktive Zielgruppen konzentrieren
wolle. «Wenn alle nur um einige wenige fitte Kunden buhlen, könnte
der Umsatz sinken.»

Der Bund der Versicherten kritisiert Fitness-Tarife als «ein reines
Lockmittel, um sich die jungen, gesunden, fitten und
gesundheitsbewussten Menschen als Versicherte zu sichern». Doch was
passiere, wenn sich bei vielen, die einen Bonus bekommen haben, das
Verhalten ändere: «Statt Sport also Couch und rauchen, statt Gemüse
sind auf einmal Chips angesagt». Sind dann «extreme
Beitragssteigerungen zu fürchten»?

Auch aus der Branche selbst kommen skeptische Töne: «Fitness ist gut,
aber Wearables sind aus unserer Sicht bisher eher Spielzeug», sagt
der Chef der Alten Leipziger, Walter Botermann. «Es sollen bereits
Hunde mit mehreren Armbändern gesehen worden sein, die für ihre
Auftraggeber die notwendige Schrittzahl erlaufen.»

Etwas anders sieht es in der Krankenversicherung aus: Die elf
Landes-AOKen, die von den jeweiligen Sozialministerien beaufsichtigt
werden, bieten seit geraumer Zeit Bonusprogramme an, die
gesundheitsbewusstes Verhalten belohnen. «Den bundesweit tätigen
gesetzlichen Krankenversicherungen hat das Bundesversicherungsamt
dagegen Wahltarife verboten», erläutert Gatschke. «In der privaten KV
wiederum muss die Prämie laut Kalkulationsverordnung anhand der
durchschnittlichen Pro-Kopf-Schäden berechnet werden.»

Gatschke rechnet allerdings damit, dass die Verwendung großer
Datenmengen langfristig bei Versicherungen auf breiter Front Einzug
halten wird - mit entsprechenden Folgen für die Prämiengestaltung. In
der Kfz-Versicherung sind Tarife, bei denen sich die Fahrweise auf
die Prämie auswirkt, bereits verbreiteter. Geschwindigkeit, Brems-,
Beschleunigungs- und Lenkverhalten werden erfasst, vorsichtiges
Fahren wird belohnt.

Die Frage der Daten-Nutzung sollte möglichst jetzt in einer
Ethik-Kommission diskutiert werden, empfiehlt Gatschke. «Die Frage
ist doch: Will ich mir von einem Versicherer vorschreiben lassen, wie
ich zu leben habe?»