Agenturmeldungen

(Fragen & Antworten) Armutsrisiko von Kindern steigt - Quote für Gesamtbevölkerung stabil

29.08.2017

Das reiche Deutschland drängt immer mehr Kinder in die Armut. Dies
legt eine neue Statistik nahe. Doch ganz so eindeutig sind die Zahlen
nicht zu interpretieren.

Wiesbaden/Berlin (dpa) - Das Armutsrisiko von Kindern ist
in Deutschland nach neuen Zahlen auf einen Rekordstand gestiegen. Gut
jeder fünfte Heranwachsende unter 18 Jahren ist demnach von Armut
bedroht, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden
zeigen. Die Armutsquote der Gesamtbevölkerung bleibt bei knapp 16
Prozent. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

Ist der Trend zur wachsenden Kinderarmut eindeutig?

Im vergangenen Jahr waren exakt 20,2 Prozent der unter 18-Jährigen
von Armut bedroht. Die neue Zahl basiert auf dem Mikrozensus
(Haushaltsbefragungen). Es ist der höchste Wert seit 2005 - vor zwölf
Jahren waren es 19,5 Prozent. Im Jahr 2015 lag die Zahl bei 19,7
Prozent. Die Statistiker halten aber einen Vergleich mit den
Vorjahreszahlen nur für eingeschränkt möglich, denn im vergangenen
Jahr wurde auf eine neue Stichprobe umgestellt. Außerdem seien 2016
«Sondereffekte» durch die Bevölkerungsentwicklung berücksichtigt
worden.

Wie entwickelt sich das Armutsrisiko bundesweit?

Haushalte gelten als von Armut bedroht, wenn sie weniger als 60
Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Gemessen daran
waren im vergangenen Jahr bundesweit 15,7 Prozent der
Gesamtbevölkerung einem Armutsrisiko ausgesetzt - genauso viele wie
2015. In den neuen Ländern (einschließlich Berlin) sind dies 18,4
Prozent, im Westen (früheres Bundesgebiet) ist der Wert mit 15
Prozent geringer.

Wie groß ist die Schere zwischen den Bundesländern?

In den reichen Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern gibt es mit
11,9 Prozent sowie 12,1 Prozent das geringste Armutsrisiko. Besonders
hoch ist es dagegen in Sachsen-Anhalt (21,4 Prozent) und
Mecklenburg-Vorpommern (20,4 Prozent). Am höchsten ist die Gefährdung
im Stadtstaat Bremen (22,6 Prozent).

Welche Gruppen sind besonders von Armut gefährdet?

Erwerbslose und Alleinerziehende haben ein besonders hohes Risiko -
vor allem in den neuen Bundesländern. Bundesweit waren im vergangenen
Jahr 56,9 Prozent der Erwerbslosen armutsgefährdet, allerdings gibt
es bei dieser Gruppe einen Rückgang von 2,1 Punkten. Bei den
Alleinerziehenden waren es 43,6 Prozent - ein kleines Minus von 0,2
Punkten. Das Risiko für Familienhaushalte mit drei oder mehr Kindern
hat sich dagegen auf 27,4 Prozent vergrößert (2015: 25,2 Prozent).

Wie ist die Situation für Menschen mit Migrationshintergrund?

Menschen mit ausländischen Wurzeln sind zu 28,0 Prozent (2015: 27,7
Prozent) von Armut bedroht. Dagegen liegt das Risiko für Menschen
ohne Migrationshintergrund nur bei 12,1 Prozent (2015: 12,5 Prozent).
Die Armutsgefährdung von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit
ist 2016 spürbar auf 35,5 Prozent gestiegen (2015: 33,7 Prozent).

Was folgern die Sozialverbände aus der Statistik?

Der Paritätische Wohlfahrtsverband wertete die Zahlen als «Versagen
der Bundesregierung» in der Armutsbekämpfung. Die neue Regierung
müsse einen «Masterplan» zur Bekämpfung der Armut aufstellen. Das
Deutsche Kinderhilfswerk verwies darauf, dass die Armutsquote bei
Kindern immer noch höher sei als bei der Gesamtbevölkerung. Vor allem
in Bildung und Integration der nach Deutschland zugewanderten Kinder
und Jugendlichen müsse deutlich mehr Geld gesteckt werden.
Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) forderte: «Wir
brauchen ein erhöhtes Kindergeld für Familien mit kleinen Einkommen.
Kinder dürfen in Deutschland kein Armutsrisiko für ihre Eltern sein.
Gleichzeitig muss sich Arbeit auch für alle Mütter und Väter lohnen.»