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Geplante Impflicht gegen Masern - Politiker dafür, Experten skeptisch

23.05.2019

Kaum jemand bestreitet den Sinn des Impfens gegen hochansteckende
Krankheiten. Fast alle Kinder werden in Deutschland gegen Masern
immunisiert. Jetzt will die Politik eine Impfpflicht einführen, doch
Experten äußern sich auf einem Kongress in Hamburg skeptisch.

Hamburg (dpa) - Die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)
geplante Impfpflicht gegen Masern sorgt bei Fachleuten für
Diskussion. «Es gibt gute Gründe dafür und dagegen», sagte am
Donnerstag der Leiter des Fachgebiets Impfprävention beim
Robert-Koch-Institut, Ole Wichmann, am Rande der 6. Nationalen
Impfkonferenz in Hamburg. «Bei Hypothesen muss man aufpassen, was man
damit macht.» Mit seiner Masern-Impfquote stehe Deutschland im
internationalen Vergleich gar nicht so schlecht da.

Nach Angaben der Hamburger Gesundheitsbehörde waren im Jahr 2017
deutschlandweit 97 Prozent der Schulanfänger einmal gegen die
hochansteckende Krankheit geimpft. Die zweite Impfung hatten 93
Prozent der Kinder. Frankreich oder Italien hätten trotz Impfpflicht
niedrigere Quoten, sagte Wichmann. Der Leiter der Ständigen
Impfkommission beim Robert-Koch-Institut, Thomas Mertens, forderte
eine wissenschaftliche Begleitung der Impfpflicht.

Spahn hat einen Gesetzentwurf vorgelegt, nach dem eine Impfpflicht
gegen Masern ab März 2020 für Kinder und das Personal in Kitas und
Schulen kommen soll. Das soll auch für Beschäftigte in medizinischen
Einrichtungen gelten.

Gastgeber der zweitägigen Konferenz sind Hamburg und
Schleswig-Holstein. Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks
(SPD) und ihr Kieler Kollege Heiner Garg (FDP) bekräftigten zum
Auftakt ihre Unterstützung für die Impfpflicht.

Garg sagte, es sei inakzeptabel, dass im 21. Jahrhundert in
Deutschland noch Kinder an vermeidbaren Krankheiten stürben. Nicht
Geimpfte gefährdeten auch andere. Prüfer-Storcks kritisierte Gruppen,
die die Impfung prinzipiell ablehnten. Die Senatorin berief sich auf
eine Stellungnahme der Weltgesundheitsorganisation: «Die haben ja
kürzlich Impfgegner so definiert, dass sie für die weltweite
Gesundheit ein gleich großes Risiko darstellen wie Ebola,
Antibiotika-Resistenzen oder Luftverschmutzung.»

Garg betonte, die hochansteckenden Masern würden immer noch als
Kinderkrankheit dargestellt. Tatsächlich hätten Betroffene mit
schweren Komplikationen zu kämpfen, die häufig bis zum Tode führten.
Laut Robert-Koch-Institut wurden im Jahr 2018 in Deutschland 544
Masernfälle gezählt. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab
es in Deutschland 2016 zwei erfasste Masern-Todesfälle, und 2015
drei. Hinzu kommen einige Todesfälle durch eine Spätfolge, die
Masern-Gehirnentzündung SSPE. Davon gab es 2016 nach Daten der
Gesundheitsberichterstattung des Bundes (bge-bund) vier Todesfälle
und 2015 einen.

Eine aktuelle Zahl der Patienten, die durch Impfungen Schäden
erlitten - ein häufiges Argument der Impfgegner -, ist nicht
verfügbar. Die Zahlen der Bundesländer seien lange nicht mehr
zusammengeführt worden, sagte Wichmann. Dem Nationalen Impfplan
zufolge wurden zwischen 2005 und 2009 insgesamt 1036 Anträge auf
Anerkennung von Impfschäden gestellt. Zugleich seien in diesem
Zeitraum 169 Anträge mit der Anerkennung eines Impfschadens
abgeschlossen worden.