Agenturmeldungen

Globalisierte gute Tat: Dateien für Blutkrebspatienten wachsen

13.04.2018

Berlin/Santiago (dpa) - Lebensretterin. Das Wort kommt Tatjana Tröger

gewaltig vor. «Es war ja nicht viel anders als Blutspenden», sagt

sie. «Aber es ist wirklich ein sehr schönes Gefühl, ein Leben

gerettet zu haben.» Tatjana Tröger aus der Nähe von Stuttgart war

Anfang 20, als sie eine Werbung für die Deutsche

Knochenmarkspenderdatei (DKMS) sah. Nun ist die Bürokauffrau 26. Im

Gepäck hat sie ein Trikot vom VfB Stuttgart und Gummibärchen. Es sind

Geschenke für den fünfjährigen Juan Carreño, der in Chile an Leukämie

erkrankte. Tatjana Tröger hat vor drei Jahren Stammzellen für ihn

gespendet, es war ein genetischer Zufallstreffer. Heute ist Juan

gesund - und beide sind ein positives Beispiel für Globalisierung:

beim Kampf gegen Blutkrebs. 

Chile ist seit dieser Woche offiziell das jüngste Mitglied der

weltweiten Gemeinschaft von Staaten mit Registern für

Blutkrebspatienten. Die DKMS mit Sitz in Tübingen organisiert den

Aufbau der Datei in dem südamerikanischen Land. Juan hatte vor drei

Jahren Glück. Bereits damals gab es Kooperationen zwischen

chilenischen Medizinern und der DKMS. Was sachlich klingt, hat eine

hochemotionale Ebene. Wenn Spender und Empfänger möchten, können sie

sich nach einer erfolgreichen Übertragung der Zellen kennenlernen. 

Zum offiziellen Start der Datei in Chile ist Tatjana Tröger in dieser

Woche dorthin gereist, zusammen mit ihrem Vater. «Ich wusste am

Anfang nur, dass die Spenderin eine junge Frau aus Deutschland ist.

Ich schulde ihr ein Stück meines Lebens», sagt Juans Mutter Magdalena

Herrera Prieto in Santiago di Chile. Sie schließt Tatjana Tröger

spontan in die Arme. Vorher kannten sich die Frauen nur über ein

soziales Netzwerk. «Jetzt weinen sie gleich», kommentiert der kleine

Juan die Szene. Nach der ersten Begegnung am Mittwoch verbringen die

beiden Familien in Chile bis Sonntag viel Zeit miteinander. Juan hält

sie auf Trab. «Er ist voll des Lebens», sagt seine Mutter.

Welche Dynamik eine Spenderdatei entwickeln kann, zeigt das Beispiel

Polen. Hier ging die DKMS 2008 an den Start - heute gibt es 1,2

Millionen mögliche Spender. Das System trage sich nach einem Anschub

in Höhe von 16 Millionen Euro inzwischen selbst, sagt ein Sprecher.

Die Finanzierung funktioniert wie ein Kreislauf: Spender zu sein ist

ein «Ehrenamt». Geld zahlen in der Regel die Krankenkassen von

Blutkrebspatienten, dazu kommen Geldspenden. Um Gewinn geht es nicht.

Mit den Einnahmen - 2016 waren das bei der DKMS mehr als 100

Millionen Euro - werden zum Beispiel neue Dateien aufgebaut und

beworben.

Die DKMS, 1991 in Deutschland gegründet, ist heute ein Global Player.

Ihr Engagement in Chile ist die vierte direkte Auslandsverbindung -

neben den USA, Großbritannien und Polen. In Zahlen heißt das nach

Angaben der Organisation: Rund ein Viertel aller weltweit

registrierten potenziellen Stammzellspender sind bei der DKMS

gelistet. Damit ermögliche sie - weltweit mit anderen Organisationen

vernetzt - rund 40 Prozent der Stammzellspenden rund um den Globus.

«Die globale Vision der DKMS ist, jedem Menschen, der auf eine

Stammzellspende angewiesen ist, eine zweite Lebenschance zu geben»,

sagt Hauptgeschäftsführer Henning Wrogemann. Heute seien das im

Durchschnitt an jedem Tag 20 Versuche.

Deutschland ist ein Musterland, wenn es um die Registrierung geht:

Mehr als 7,8 Millionen Menschen sind hier nach der Statistik des

zentralen Knochenmarkspenderregister registriert. Fast 7000 von ihnen

wurden im vergangenen Jahr Blutstammzellen entnommen. Rund 5000

dieser Spenden gingen ins Ausland. Aber längst nicht jede Nation hat

ein eigenes Register für den weltweiten Austausch. Besonders

schwierig ist der Aufbau in Entwicklungs- und Schwellenländern. In

ganz Afrika gibt es nach DKMS-Angaben nur zwei Dateien - in Südafrika

und in Nigeria.

Doch auch in Deutschland ist der Kampf gegen Blutkrebs eine große

Aufgabe: Nach Angaben des DKMS erhält alle 15 Minuten ein Mensch

diese Diagnose, viele Patienten sind Kinder und Jugendliche. Doch

jeder zehnte Kranke findet noch immer keinen Spender. Fast 8000

Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an Leukämien, weil die

normale Blutbildung durch die Vermehrung von entarteten weißen

Blutzellen gestört ist. Ein prominentes Opfer war 2016 der ehemalige

Außenminister Guido Westerwelle.

Durch die Globalisierung der Register können auch immer mehr

Migranten in Deutschland vom Kampf gegen Blutkrebs profitieren. Schon

jetzt sucht die DKMS an ihrem neuen Standort in Südamerika nach

Spendern, die zu Patienten mit chilenischen Wurzeln in Deutschland

passen könnten. Denn die Chance, in der eigenen Herkunftsregion

fündig zu werden, ist wegen der genetischen Komponente weitaus größer

als ein Zufallstreffer.

Wahrscheinlich ist deshalb auch der Austausch zwischen Spendern aus

Deutschland und Empfängern in den USA so groß - seit 1991 gingen rund

13 000 Spenden der DKMS dorthin. Grund könnten die großen

Auswanderungswellen im 19. und 20. Jahrhundert sein. Innerhalb

Europas gehen die meisten Spenden aus Deutschland nach Frankreich,

Italien und Großbritannien.

Die weltweit vernetzten Spenderdateien können so auch eine kleine

Antwort auf Gesundheitsprobleme in multiethnischen Gesellschaften

sein. Tatjana Tröger, die keine chilenischen Wurzeln hat, freut diese

Entwicklung. Eine Erinnerung an ihre Spende trägt sie nun auch immer

bei sich. Auf ihrem linken Unterarm hat sie sich den Namen «Juanpi»

tätowieren lassen - das ist der Kosename des chilenischen Jungen, der

nun ihr Blutsbruder ist - und ihr genetischer Zwilling.