Agenturmeldungen

Kassen preschen mit Apps vor - Was auf die Versicherten zukommt

17.09.2018

Ihre sensiblen Gesundheitsdaten sollen mehr als 13 Millionen
Versicherte jetzt übers Handy verwalten können. Künftig soll das
sogar für bundesweit alle gelten. Doch es gibt auch Kritik an der
neuen digitalen Gesundheitswelt.

Berlin (dpa) - Millionen Bundesbürger sollen sich künftig mit dem
Smartphone eleganter als bisher durch das oft unübersichtliche
Gesundheitssystem bewegen können. Blutwerte und Röntgenbilder sollen
digital von Arzt zu Arzt wandern können, Doppeluntersuchungen so
vermieden werden. Das Ganze soll noch gekoppelt werden können mit
Fitness-Trackern, die Puls- und Schlafdaten messen. Die App «Vivy»,
die Hintergründe, und die Perspektiven - ein Überblick:

Was soll «Vivy» leisten?

Arztbriefe, Befunde, Laborwerte und Röntgenbilder sollen in der
digitalen Akte gespeichert und mit dem behandelnden Arzt geteilt
werden können. Versicherte sollen sich an Impftermine und
Vorsorgeuntersuchungen erinnern lassen können. Mögliche
Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln sollen angezeigt werden,
nachdem man den Code auf der Packung oder dem Medikationsplan
eingescannt hat. Auch Überweisungen, U-Hefte oder der Mutterpass
können gebündelt, Fitnesstracker mit der App gekoppelt werden.

Für wen steht die App zur Verfügung?

Für Versicherte der DAK-Gesundheit, mehrerer Innungskranken- und
Betriebskrankenkassen sowie der Allianz Private Krankenversicherung
und der Barmenia. 13,5 Millionen Versicherte können kostenlos
mitmachen, heißt es. Weitere Versicherungen sollen dazukommen, im
Februar etwa die Gothaer. Bei der DAK-Gesundheit etwa soll «Vivy»
über eine ebenfalls neue DAK-App angesteuert werden können, mit der
Versicherte unter anderem auch Bescheinigungen anfordern oder Punkte
für Bonusprogramme sammeln könnten.

Wird anderen Versicherten kein Angebot gemacht?

Doch. Die AOK hat ihr Gesundheitsnetzwerk mit Pilotprojekten in
Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gestartet. Die Techniker
Krankenkasse (TK) ist mit inzwischen 30 000 Versicherten mit ihrer
Digitalakte TK-Safe im Testbetrieb. Gesundheitsminister Jens Spahn
(CDU) will digitale Akten sogar allen zugänglich machen. «Versicherte
sollen auch per Tablet und Smartphone auf ihre elektronische
Patientenakte zugreifen können», sagte er neulich der «Frankfurter
Allgemeinen Zeitung». Bei der elektronischen Gesundheitskarte, die
seit Jahren die Erwartungen an sie nicht erfüllt, soll es trotzdem
weitergehen.

Wie kommen die Daten in die E-Akte?

Bei «Vivy» können etwa Dokumente, die man in Papierform bereits
zuhause hat, eingescannt werden. Mit ein paar Klicks, so versprechen
die Anbieter, können Dokumente von Ärzten, Laboren und Kliniken
angefordert werden, so dass diese die Akten verschlüsselt mit einem
teilen. TK-Chef Jens Baas weist auf das Angebot seiner Kasse hin:
«Der große Vorteil bei TK-Safe ist, dass die Versicherten bereits mit
einer gefüllten Akte starten.» Daten wie ihre Impfhistorie, eine
Auflistung ihrer verschreibungspflichtigen Medikamente oder
Übersichten über ihre Arzt- und Zahnarztbesuche inklusive Diagnosen
bekämen sie auf Wunsch direkt sicher eingespielt. Es sind Daten, über
die die Kassen verfügen.

Was versprechen die «Vivy»-Macher in puncto Sicherheit?

Hohe Standards. Die sensiblen Daten seien sicher. Nur die Nutzer
würden über die Verwendung entscheiden. «Vivy setzt auf mehrstufige
Sicherheitsprozesse und eine asymmetrische
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, für die nur der Nutzer selbst den
Schlüssel hat», betonen die Anbieter. Mit einer
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sind Inhalte nur für Absender und
Empfänger im Klartext sichtbar. «Vivy wurde von unabhängigen
Unternehmen wie ePrivacy und dem TÜV Rheinland getestet und als
sichere Plattform zertifiziert.»

Was lässt sich dabei kritisch anmerken?

«Es wird mit der Zeit herauskommen, wie gut die Verschlüsselung
wirklich ist», sagt Falk Garbsch, Sprecher des Chaos Computer Clubs.
«Die Zahl der Angriffe auf Smartphones steigt immer weiter.» Nach
zwei Jahren gebe bei den Geräten üblicherweise keine
Sicherheitsupdates mehr. Da Gesundheitsdaten nicht nur intim seien,
sondern auch lukrativ sein könnten, könnte es sich lohnen, Viren und
Trojaner zu entwickeln, um von unbefugter Seite heranzukommen, meint
Garbsch. Es stelle sich auch die Frage, ob die Software in den
Arztpraxen immer sicher sei. Insgesamt meint der kritische Experte,
wenn Daten zentral abgelegt würden, steige nicht nur die
Missbrauchsgefahr, sondern auch die Intransparenz: «Viele können sich
nicht vorstellen, was da im Hintergrund passiert.»

Was sagen die Ärzte?

Zumindest ihre obersten Vertreter äußern sich positiv. Ab Ende 2018
will «Vivy» eine Schnittstelle der Kassenärztlichen Vereinigungen
(KVen) nutzen für den verschlüsselten Datenaustausch mit Ärzten in
Praxen, Krankenhäusern und Laboren (KV-Connect Mobile). Der Chef der
Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, sagt, er freue
sich, dass «Vivy» sich für die KV-Schnittstelle entschieden habe.