Agenturmeldungen

Kassenärzte-Studie: Viele Klinik-Notaufnahmen nicht ausgelastet

29.11.2017

 Berlin (dpa) - Die meisten Notaufnahmen an deutschen Krankenhäusern

sind nach einer neuen Studie der Kassenärzte kaum ausgelastet. Die

Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht erheblichen

Reformbedarf, insbesondere bei Häusern mit kleineren Notaufnahmen.

Denn geringere Erfahrung des Personals sowie schlechtere

Technikausstattung führten hier zu höheren Risiken für Patienten.

Nach der am Mittwoch veröffentlichten Untersuchung des

Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) werden im

Durchschnitt rund 1,7 Patienten pro Stunde in der Notaufnahme eines

Krankenhauses behandelt.

 

«Wenn es um Leben und Tod geht, ist die Versorgung in den großen

Notaufnahmen erheblich besser», erläuterte Institutsgeschäftsführer

Dominik von Stillfried und verwies auf Untersuchungen in den USA.

Dort zeigten sich bei Notaufnahmen mit weniger als 2,3 Patienten pro

Stunde (20 000 Patienten pro Jahr) die höchsten Sterblichkeitswerte.

In Deutschland behandelten aber nur knapp ein Drittel der

Notaufnahmen mehr als zwei Patienten pro Stunde.

 

KBV und Marburger Bund (MB), die Gewerkschaft der zumeist in Kliniken

angestellten Ärzte, hatten vor zweieinhalb Monaten ein Reformkonzept

für eine integrierte Notfallversorgung der rund 150 000 Praxisinhaber

und der knapp 2000 Kliniken vorgelegt. Dazu müssten die

Bereitschaftsnummer der Praxisärzte 116117 und die bisherige

Notrufnummer des Rettungsdienstes 112 stärker vernetzt werden.

Patienten sollten dann bei einer gemeinsamem Anlaufstelle rund um die

Uhr anrufen können und eine qualifizierte Ersteinschätzung ihrer

gesundheitlichen Probleme nach bundesweit einheitlichem Standard

bekommen. Danach werde entschieden, wie behandelt werden müsse.

 

Mit dem Durchschnittswert von weniger als zwei Patienten pro Stunde

liege Deutschland weit unter europäischen Vergleichswerten, so die

Studie weiter. In England etwa werden demnach 11, in Dänemark 10

Patienten pro Stunde in Krankenhausnotaufnahmen behandelt. Das

Zentralinstitut untersuchte die Auslastung von

Krankenhausnotaufnahmen in den Bezirken von 13 Kassenärztlichen

Vereinigungen.

 

Stillfried erläuterte weiter: «In der Öffentlichkeit ist der Eindruck

entstanden, als seien die Notaufnahmen sämtlich überlaufen. An

einigen Standorten mag das durchaus der Fall sein, generell kann

jedoch keine Rede davon sein.» Er fügte hinzu: «Gemessen an

Referenzwerten aus internationalen Studien, behandeln die meisten

Notaufnahmen im Schnitt so wenige Patienten, dass hierdurch erhöhte

Risiken für Patienten bestehen.»

 

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG),

Georg Baum, hielt dem entgegen, die Meldung der KBV, «wonach

Patienten in Notfallambulanzen von Krankenhäusern aufgrund geringer

Behandlungszahlen gefährdet seien, ist für eine ärztliche

Organisation hochgradig befremdend».

 

Baum unterstrich seinerseits: «Würde der ambulante

Bereitschaftsdienst durch die niedergelassenen Ärzte funktionieren,

müssten nicht zehn Millionen Patienten die Kliniken zu ambulanten

Notfallbehandlungen aufsuchen. Über drei Millionen dieser Fälle

könnten ohne Probleme von den - technisch und personell zwar nicht

wie Krankenhäuser ausgestatteten - Notfallpraxen versorgt werden.»

 

Der Vorstandsvorsitzende der KBV, Andreas Gassen, appellierte dagegen

an die Krankenhausgesellschaft, von ihrem Standpunkt abzurücken, alle

Notaufnahmen um jeden Preis erhalten zu wollen. Er unterstrich aber

auch, Patienten, die «echte» Notfälle seien, müssten an allen

Krankenhäusern versorgt werden können. «Uns geht es vor allem um die

Patienten, die eben keine Notfälle sind, sondern eigentlich im

Bereitschaftsdienst behandelt werden könnten.»

 

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch,

kritisierte: «Der Streit zwischen den Kassenärzten und den

Krankenhäusern nervt. Jetzt zieht die KBV eine Studie aus dem Hut, um

das Netz an Notaufnahmen auszudünnen. Doch der Ärzteverband sagt

nicht, wie die Kassenärzte endlich ihrem Sicherstellungsauftrag

nachkommen wollen.» Denn 57 Prozent der Patienten in Berlin haben

laut Brysch vor dem Gang in die Notaufnahmen vergeblich Hilfe bei

einem niedergelassenen Arzt gesucht.