Agenturmeldungen

Kinderärzteverband warnt vor Versorgungsproblemen

05.10.2017

Die Entwicklungen in der Kinder- und Jugendmedizin sind nach
Verbandsangaben besorgniserregend: zu wenig Ärzte, zu wenig
Nachfolger für frei werdende Praxen. Auf der anderen Seite gebe es
immer mehr junge Patienten mit chronischen Erkrankungen.

Bad Orb (dpa) - Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte schlägt
Alarm und warnt vor einem Mangel an Fachärzten für den Nachwuchs in
Deutschland. «Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung von
Kindern- und Jugendlichen und damit deren Chancen auf ein gesundes
Aufwachsen ist in Gefahr, wenn die Politik nicht schnell handelt»,
sagte Verbandspräsident Thomas Fischbach am Donnerstag im hessischen
Bad Orb zum Auftakt eines Fachkongresses. Schon heute fänden viele
Familien keinen passenden Arzt mehr in der Nähe oder die Praxen seien
überfüllt.

Als Grund für die ausgedünnte Versorgung nannte Fischbach falsche
Weichenstellungen der bisherigen Gesundheitspolitik. Nicht nur auf
dem Land, sondern bald auch in Städten werde es Versorgungsprobleme
geben. «Es ist fünf nach zwölf. Wir sind zu spät dran.»

Fischbach gab zu bedenken, dass in den nächsten fünf Jahren ein
Viertel und in den nächsten zehn Jahren ein Drittel aller
praktizierenden Kinder- und Jugendärzte in den Ruhestand gehe. Der
Altersdurchschnitt liege aktuell bei 58 Jahren. Deshalb seien ein
Drittel mehr Kinderärzte nötig. Problematisch auch: Nachrückende
Ärzte ziehe es vor allem in attraktive Großstädte. Frauen wählten
bevorzugt Teilzeitmodelle, um Familie und Beruf besser miteinander zu
vereinbaren.

Ein weiteres Problem sei, dass es die Ärzte bei ihren jungen
Patienten häufig nicht nur mit einfachen Infekten, sondern mit
aufwendig zu behandelnden Entwicklungsstörungen zu tun hätten. Der
wissenschaftliche Kongressleiter, Michael Keller, erklärte:
«Chronische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sind auf dem
Vormarsch. Das verschärft die Situation.» Immer häufiger seien
Magen-Darm-Erkrankungen, Asthma, Diabetes und Migräne.

«Wir brauchen eine neue Bedarfsplanung, die die Realitäten
berücksichtigt, den höheren Betreuungsaufwand, den geringeren
Arbeitsstundenumfang pro Kind- und Jugendarzt, die steigende Anzahl
von Geburten und zugewanderten Kindern und Jugendlichen», forderte
Fischbach.

Er bemängelte auch, dass die Arbeit der Kinder- und Jugendärzte nicht
ausreichend honoriert werde. Die Vergütung für sie solle im nächsten
Jahr nur um 1,18 Prozent steigen. Demgegenüber steige aber die
Teuerungsrate seit Monaten, zuletzt lag sie bei 1,8 Prozent. Die
Honorarerhöhungen deckten nicht einmal die gestiegenen Praxiskosten.
«Wir verlieren also. Bereits heute werden rund 20 Prozent unserer
Leistungen nicht vergütet», kritisierte Fischbach.

Die Kinder- und Jugendärzte hätten auch deswegen Schwierigkeiten,
Nachfolger für die Praxen zu finden. «Junge Ärzte tun sich den Stress
bei gleichzeitig schlechten Honoraren nicht mehr an und bleiben in
den Kliniken. Die Kinder- und Jugendmedizin droht auszubluten»,
befand Fischbach.