Agenturmeldungen

Kliniken in Geldnot: Wie Private den Krankenhausmarkt aufrollen

07.04.2017

Viele Krankenhäuser haben wenig Personal, Geld für Investitionen
fehlt. Die Finanznöte spielen privaten Betreibern in die Karten. Doch
die Ökonomisierung der Gesundheit wirft ethische Fragen auf.

Frankfurt/Main (dpa) - Knapp 2000 Krankenhäuser, über 39 Millionen
Patienten und ambulante Behandlungen im Jahr, 1,2 Millionen
Mitarbeiter: Krankenhäuser sind unverzichtbar für die
Gesundheitsversorgung in Deutschland - und eine Branche, die
zunehmend unter wirtschaftlichem Druck steht. Wie lange sollten
Patienten nach einer Operation im Krankenhaus bleiben, was darf die
Verwaltung kosten, wie viel Zeit haben Ärzte für Kranke? Viele
Krankenhäuser müssen so hart kalkulieren wie Unternehmen.

Private Betreiber machen aus der Heilung von Menschen ein Geschäft.
Gut 5,8 Milliarden Euro Umsatz und 543 Millionen Euro Gewinn erzielte
allein Marktführer Helios 2016. Die Tochter des Dax-Konzerns
Fresenius betreibt bundesweit 112 Krankenhäuser. Dazu kommen
Konkurrenten wie Asklepios, Sana, Schön und das unterfränkische
Rhön-Klinikum, das etwa die Universitätskrankenhäuser Marburg und
Gießen lenkt. «Etwa 30 Prozent aller Kliniken sind in privater Hand»,
sagt Zun-Gon Kim, Partner bei der Beratungsfirma Boston Consulting
Group.

Die Privaten haben in den vergangenen Jahren von den Finanznöten
vieler kommunaler und kirchlicher Betreiber profitiert. Gab es 2005
2139 Krankenhäuser hierzulande, waren es 2015 nur noch 1956. «Gerade
kleine, wenig profilierte Häuser haben es schwer», sagt Kim. Denn die
Gruppe der Patienten über 65 Jahren wächst - und mit ihnen die Zahl
von Altersdiabetes, Lungen- und Darmkrebs oder Gefäßverkalkungen. Die
Kosten für Krankenhäuser steigen so schneller als die Einnahmen. 

Krankenhäuser in öffentlicher Hand seien unterfinanziert, klagt der
Dachverband DKG, ein Viertel schreibe Verluste. Er fordert mehr Geld
von den Ländern. Von den jährlich für Investitionen benötigten sechs
Milliarden Euro zahlten sie nur etwa die Hälfte. «Investitionen
sowohl im baulichen Bereich als auch bei der Digitalisierung sind
dringend erforderlich», erklärt der Verband. Doch die Länder haben
oft leere Kassen. Daher herrscht in vielen Krankenhäusern
Personalmangel. Laut Verdi fehlen bundesweit 162 000 Stellen.

Private Betreiber reagieren auf die Geldnot der Kliniken, indem sie
Verwaltungen zentralisieren, Dienste auslagern und ihre Größe nutzen,
um etwa beim Einkauf günstigere Konditionen zu erzielen. Sie kaufen
Kommunen etwa Krankenhäuser ab, wenn diese defizitäre Häuser
loswerden wollen und sanieren sie mit harten Renditevorgaben. Sana
kaufte etwa 2013 in Hessen das Klinikum Offenbach und garantierte im
Gegenzug, eine Insolvenz abzuwenden. 2015 gab es wieder Gewinne. 

Die Klinikkonzerne, die aus Privatisierungen Ende der Neunzigerjahre
entstanden, sind heute teils an der Börse notiert. Rhön oder Helios
unter der Mutter Fresenius sind damit nicht nur ihren Patienten und
Mitarbeitern verpflichtet, sondern auch den Aktionären. Und sie
fordern steigende Gewinne und Dividenden.

Doch dies wirft heikle Fragen auf. Steht in den Kliniken noch die
Patientenversorgung an erster Stelle oder das finanzielle Interesse?
Spezialisieren sich gerade private Kliniken auf besonders lukrative
Behandlungen? Und leiden Patienten unterm Zwang zur Ökonomisierung?

Der Verband der Privatkliniken (BDPK) widerspricht. Private Betreiber
investierten stärker in Infrastruktur und Medizintechnik als andere
Träger und setzen ebenso viele Ärzte und Pfleger ein. Gespart werde
abseits etwa in der Verwaltung, aber nicht in der Versorgung.

Private Kliniken würden zwar «ein höheres Maß an Wirtschaftlichkeit
aufweisen» als etwa öffentliche Häuser, stellt der Deutsche Ethikrat
in einer Studie fest. Der Vorwurf, sie pickten sich die lukrativen
Fälle heraus, sei nicht belegbar. Private behandelten ebenso viele
schwer kranke und alte Patienten wie andere Träger. Und laut Berater
Kim sind Private bei Parametern wie dem Erfolg von Operationen oder
der Rate von Infektionen keinesfalls schlechter als andere Betreiber.

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund sieht ein größeres Problem. Der
Druck zur Effizienz sei politisch gewollt. Die Vergütung der
Krankenhäuser über genau kalkulierte Fallpauschalen solle die Kosten
im Gesundheitssystem drücken, schade aber den Patienten. «Humanität
und Qualität der Patientenversorgung kommen unter die Räder.»
Kostendruck sei daher kein Merkmal von Privaten allein, es gebe nur
Einzelfälle von Privatkliniken mit übersteigerten Renditevorgaben.

Eine Welle von Klinik-Privatisierungen, wie noch vor Jahren
prophezeit, erwartet Berater Kim indes nicht. «Es sind schon viele
Sparpotenziale ausgeschöpft.» Zwar wüchsen Private zulasten der
öffentlichen und kirchlichen Träger weiter, aber nur noch langsam.
Ein Grund sei der Zeitgeist. «Kaum ein Landrat möchte sein
Krankenhaus wirklich verkaufen.»

Milliarden-Konzerne wie Fresenius richten den Blick daher ins Ausland
- dort gibt es noch große Kaufziele. Die Tochter Helios übernahm 2016
die spanische Kette Quirónsalud mit 82 Kliniken und ambulanten
Gesundheitszentren. Und Chef Stephan Sturm fasst bereits neue Länder
ins Auge. Der Krankenhausmarkt in Deutschland ist schon zu klein.