Agenturmeldungen

Krankenhäusern fehlen Pflegekräfte für Intensivstationen

26.07.2017

Seit Jahren wird in der Intensivmedizin Fachkräftemangel beklagt.
Kliniken erfüllen nach eigener Aussage aktuell zwar die Vorgaben
weitgehend. Doch etliche Stellen sind vakant. Der Pflege-Verband 
sieht auch Missstände bei Bezahlung und Arbeitsbedingungen.

Berlin (dpa) - Krankenhäuser in Deutschland suchen händeringend
Pflegekräfte auf Intensivstationen. Mehr als die Hälfte der Kliniken
(53 Prozent) hatte nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft
(DKG) im Herbst vergangenen Jahres Probleme, Pflegestellen auf
Intensivstationen zu besetzen. Bundesweit seien aktuell 3150 Stellen
vakant. Die Zahl offener Stellen hat merklich zugenommen und wird
steigen, wie aus einem am Dienstag in Berlin vorgelegten Gutachten
hervorgeht. Der Verband der Pflegeberufe machte die Krankenhäuser für
die Missstände verantwortlich und forderte Klinikverwaltungen auf,
andere Prioritäten zu setzen. 

Aktuell ist die Versorgung von Intensivpatienten laut der DKG
«objektiv gut». 2015 sei im Schnitt eine Pflegekraft für 2,2 Fälle
pro Schicht zuständig gewesen - womit entsprechende Empfehlungen in
etwa erreicht worden seien. Zudem erfüllten drei Viertel aller
Krankenhäuser die Fachkraftquote in der Intensivpflege. 2015 seien
auf zehn belegte Intensivbetten rein rechnerisch 6,9 Ärzte gekommen -
was ebenfalls nah an die Vorgaben herankomme.

«Trotz dieser guten Daten kann aber nicht Entwarnung gegeben werden»,
heißt es angesichts der vakanten Stellen. Der Fachkräftemangel sei
seit vielen Jahren ein zentrales Problem auf Intensivstationen. Die
Probleme mit der Besetzung von Stellen hätten seit 2009 dramatisch
zugenommen. Fast ein Drittel der Krankenhäuser (29 Prozent) hatte der
Umfrage zufolge im Herbst 2016 auch Probleme, Arztstellen in ihren
Intensivbereichen zu besetzen. Bundesweit seien rund 600
Vollkraftstellen in der Intensivmedizin unbesetzt.

Linken-Chef Bernd Riexinger forderte: «Die Pflegeberufe müssen
gesellschaftlich endlich den Stellenwert bekommen, der ihrem Wert für
die Menschen entspricht.» Es helfe nichts, über fehlende Fachkräfte
in der Intensivpflege zu klagen und gleichzeitig bei Bezahlung und
Arbeitsbedingungen auf der Bremse zu stehen. Die Personalkosten
müssten außerhalb der Fallpauschalen finanziert werden, sonst greife
jeder Förderplan ins Leere. Es führe kein Weg daran vorbei, die
Personalbemessung gesetzlich zu regeln, um die Attraktivität des
Pflegeberufs erhöhen.

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi verlangte eine gesetzliche
Regelung für die Personalausstattung in den Krankenhäusern.
«Beschäftigte lassen sich nicht mehr mit homöopathischen Dosen
abspeisen. Zu lange und zu oft wurden die Empathie und das Engagement
der Pflegefachkräfte von den Arbeitgebern ausgenutzt», erklärte
Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe DBfK forderte die
Krankenhausgesellschaft auf, die eigene verfehlte Prioritätensetzung
zu korrigieren: «An der Fluktuation und einer Vielzahl unbesetzter
Pflegestellen lässt sich inzwischen ablesen, dass Pflegefachpersonen
nicht länger bereit sind, sich unter Wert zu verkaufen und miserable
Bedingungen hinzunehmen», sagte Verbandssprecherin Johanna Knüppel.
Über Jahre sei ignoriert worden, dass Patienten nicht nur Ärzte und
Technik, sondern vor allem kompetente Pflege benötigten.

Die Zahl der Klinikärzte ist nach Darstellung des Pflege-Verbandes
DBfK überproportional gestiegen, was weitere Arbeit für Pflegekräfte
bedeute. Ärztliche Routineaufgaben würden in großem Umfang an die
Pflege übertragen - ohne adäquate Entlastung der Pflegekräfte. Zahl
und Dauer berufsbedingter Erkrankungen bei Pflegepersonal steige. Der
Bundestag habe ein Gesetz verabschiedet, das für verpflichtende
Personaluntergrenzen in pflegesensitiven Bereichen sorgen solle. Die
DKG betrachte dies als Gängelung und nicht umsetzbar, weil es an der
Finanzierung und am Bewerberangebot fehle.