Agenturmeldungen

Krankheiten kosten die Gesellschaft 4140 Euro pro Bürger

29.09.2017

Wie teuer ist welche Krankheit? Das Statistische Bundesamt hat das
ausgerechnet. Und herausgefunden: Die Volkswirtschaft wird nicht
durch aufwendige Behandlungen wie bei Krebs am meisten belastet.

Wiesbaden (dpa) - Psychische Krankheiten kosten die Volkswirtschaft
knapp 45 Milliarden Euro pro Jahr, fast so viel wie
Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das geht aus der neuen
Krankheitskostenrechnung hervor, die das Statistische Bundesamt am
Freitag in Wiesbaden veröffentlichte. Insgesamt verursachten
Krankheiten in Deutschland im Jahr 2015 Kosten in Höhe von 338,2
Milliarden Euro. Das entspricht durchschnittlich 4140 Euro pro Kopf.

Die Krankheitskostenrechnung schätzt die ökonomischen Folgen von
Krankheiten ab. Dazu zählt nicht nur die Behandlung, sondern auch
Prävention, Rehabilitation oder Pflege. Die letzte Berechnung dieser
Art wurde 2008 veröffentlicht. Die Zahlen sind aber nur bedingt
vergleichbar, weil seither Methode und Datenbasis verändert wurden.
30 Einzelstatistiken fließen in die Berechnung ein.

Welche Krankheit kostet die Volkswirtschaft wie viel? Rund die Hälfte
der Gesamtkosten ist auf vier Krankheitsklassen zurückzuführen, wie
Destatis-Mitarbeiterin Teresa Stahl ausführt:

- Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachten 2015 Kosten in Höhe von
46,4 Milliarden Euro.

- Dicht dahinter folgten Psychische Krankheiten und
Verhaltensstörungen mit 44,4 Milliarden Euro.

- Die dritthöchsten Kosten, 41,6 Milliarden Euro, verursachten
Krankheiten des Verdauungssystems, zu denen auch Zahnbehandlungen
zählen.

- An vierter Stelle lagen Muskel-Skelett-Erkrankungen mit einem
Betrag von 34,2 Milliarden Euro.

- «Neubildungen», also Tumore, verursachen hingegen nur Kosten in
Höhe von 23,0 Milliarden Euro.

Je nach Geschlecht und Alter sind die gleichen Krankheiten
unterschiedlich teuer. Herz-Kreislauf-Erkrankungen zum Beispiel
kosten bei Männern 600 Euro pro Kopf, bei Frauen aber nur 540 Euro.
Umgekehrt ist es bei der Psyche: Hier betrugen die Pro-Kopf-Kosten
bei Frauen 670 Euro, bei Männer aber nur 420 Euro.

Mit fortschreitendem Alter nehmen die Krankheitskosten zu, wie
Destatis-Mitarbeiterin Stahl erklärt:

- Kranke bis 29 Jahre kosteten die Volkswirtschaft 1670 Euro.

- Bei Über-85-Jährigen lagen die Krankheitskosten bei 19 790 Euro.

Für Anja Neumann vom Lehrstuhl für Medizinmanagement an der
Universität Duisburg-Essen enthält die Krankheitskostenrechnung
«wichtige Infos für Entscheider im Gesundheitswesen». Man könne
sehen, «wo Bedarf besteht» und wo man vielleicht angreifen kann, etwa
indem man die Ausgaben für Forschung erhöht. Nicht sehen könne man,
welche Maßnahmen welchen Effekt haben. Will man die Kosten für
bestimmte medizinische Maßnahmen wie Medikamente oder
Operationsverfahren zu ihrem Nutzen in Beziehung setzen, muss man auf
andere Formen der Daten und Datenerhebungen zurückgreifen.

Für den Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung
(GKV) sind die Daten dennoch «eine wichtige Ergänzung», wie
GKV-Sprecherin Ann Marini sagte. Die Erkenntnis, Krankheiten getrennt
nach Geschlechtern zu betrachten, stecke zum Beispiel noch in den
Kinderschuhen. Dass psychische Krankheiten enorme Kosten verursachen,
hätten die Kassen hingegen seit langem auf dem Schirm.

Besonders wichtig ist aus Sicht des GKV-Spitzenverbandes das Thema
Prävention. «Da kann man gar nicht genug tun», glaubt Marini. Die
Kassen investierten mehr als gesetzlich vorgeschrieben in Programme,
die den Menschen helfen, sich gesund zu ernähren, viel zu bewegen,
mit dem Rauchen aufzuhören und zu lernen, mit Stress umzugehen.