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Leben im Dienst der Menschlichkeit: Ärzte reformieren Mediziner-Eid

03.11.2017

Berlin (dpa) - «Ich schwöre und rufe Apollon den Arzt und Asklepios

und Hygieia und Panakeia und alle Götter und Göttinnen zu Zeugen an,

daß ich nach meinem Vermögen und Urteil diesen Eid ... erfüllen

werde»: Mit diesen Worten beginnt der hippokratische Eid, der bis

heute ein Symbol für das ärztliche Berufsverständnis ist. Er legt

fest, dass Ärzte ihre Behandlung am Nutzen für die Kranken ausrichten

und Schaden von ihnen abwenden sollen.

Mit der Deklaration von Genf hat der Weltärztebund im Jahr 1948 eine

moderne Version geschaffen. In ihr ist die Anrufung der Götter zwar

nicht mehr zu finden - doch wie schon mehr als 2000 Jahre vorher

beispielsweise die ärztliche Schweigepflicht. Auf seiner diesjährigen

Generalversammlung in Chicago hat der Weltärztebund die Deklaration

nun grundlegend reformiert.

«Die Neufassung hebt nun stärker als zuvor auf die Autonomie des

Patienten ab», erklärt zu diesem Anlass der Präsident der

Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery, der auch stellvertretender

Vorsitzender des Weltärztebundes ist.

Nach Ansicht des Tübinger Medizinethikers Urban Wiesing handelt es

sich um die «wichtigste und umfangreichste Überarbeitung» des Genfer

Gelöbnisses. «Zum ersten Mal wurde die Autonomie des Patienten

aufgenommen», sagt Wiesing. «Das war überfällig.» Der studierte Arzt

und Philosoph berät den Weltärztebund in ethischen Fragen und war

auch selbst an der Überarbeitung beteiligt.

Vertreter von Medizinstudenten hatten zudem den Vorschlag

eingebracht, dass Ärzte anders als bisher nicht nur ihren Lehrern

gegenüber die «gebührende Achtung und Dankbarkeit» erweisen sollen.

So sollen Mediziner nach der neuen Version nun auch ihren Kollegen

und Studenten gegenüber den nötigen Respekt zollen. Außerdem geloben

Ärzte zukünftig, immer die Regeln der guten medizinischen Praxis

einzuhalten - und sich um ihre eigene Gesundheit zu kümmern, um

Medizin nach den höchsten Standards erbringen zu können. «Es gibt

gute Belege, dass überarbeitete oder kranke Ärzte in der Gefahr

stehen, keine gute Medizin zu praktizieren», erläutert Wiesing.

Gleichzeitig ruft die neue Fassung zu mehr Transparenz und

Kommunikation auf. «Ich werde mein medizinisches Wissen zum Nutzen

der Patienten sowie zum Fortschritt des Gesundheitswesens mit anderen

teilen», heißt es nun. Dies stellt beispielweise eine Aufforderung an

Ärzte dar, ihre Patienten angemessen über Diagnosen und Behandlungen

zu informieren, oder unliebsame Ergebnisse medizinischer Studien

nicht in der Schublade verschwinden zu lassen. Nach Untersuchungen

beispielsweise von Transparency International passiert letzteres im

Gesundheitsbereich bislang regelmäßig.

Doch welche Rolle spielt die moderne Fassung des hippokratischen Eids

überhaupt? Kürzlich hat Wiesing mit Kollegen eine Untersuchung

veröffentlicht, nach der das Genfer Gelöbnis weltweit bislang von nur

relativ wenigen Ärzteverbänden genutzt wird, um beispielsweise junge

Ärzte für eine verantwortungsvolle Berufsausübung zu sensibilisieren.

«Das Ergebnis ist ernüchternd», sagt Wiesing. Die Nutzung des

Gelöbnisses liege bislang weit hinter dem zurück, was es beanspruche.

«Eine Profession kann es sich nicht leisten, in einer globalisierten

Welt verschiedene Standards zu verfolgen», betont der Medizinethiker.

«Es gibt einen Kernbestand von moralischen Prinzipien, die gelten

überall auf der Welt - und die fasst das Gelöbnis zusammen.»

In Deutschland ist das Dokument Bestandteil der Berufsordnungen der

Ärzte. Unklar ist, ab wann die 17 deutschen Ärztekammern die neue

Version verwenden. «Aktuell liegt kein Zeitplan zu dem weiteren

Vorgehen vor», erklärte ein Sprecher der Bundesärztekammer. «Die

zuständigen Gremien werden sich jetzt mit dem Thema befassen.»