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Limo & Co - Studie zeigt Mittel gegen flüssige Dickmacher

13.06.2019

Zuckerhaltige Getränke fördern Übergewicht - und sind vermutlich
gefährlicher, als Zucker in fester Form. Aber warum? Und was kann und
will die Politik dagegen tun?

München/London (dpa) - Zuckerhaltige Getränke gelten als wichtiger
Faktor für das Übergewicht vieler Menschen. Also was tun, um den
Konsum zu verringern? Eine Übersichtsstudie des internationalen
Cochrane-Netzwerkes hat funktionierende Maßnahmen ermittelt. Die
Ergebnisse basieren auf 58 Studien aus 19 verschiedenen Ländern.

Vorne mit dabei sind Etiketten wie die Lebensmittelampel, die auf
einfache Weise Aufschluss über den enthaltenen Zucker geben. Dies
könne auch in Deutschland relativ gut und zu vertretbaren Kosten
umgesetzt werden, sagte der Hauptautor der Studie, Peter von
Philipsborn von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität
am Mittwoch. Die Deutsche Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten
(DANK) und die Verbraucherorganisation Foodwatch unterstützen eine
Einführung für die Bundesrepublik.

Die große Koalition will in diesem Jahr ein Modell für eine klarere
Nährwert-Kennzeichnung vorschlagen. Die SPD macht sich für das
französische Nutri-Score-System stark - es bezieht neben dem Gehalt
an Zucker, Fett und Salz auch empfehlenswerte Bestandteile wie
Ballaststoffe in eine Bewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert
an - auf einer Skala von dunkelgrün bis rot. Ernährungsministerin
Julia Klöckner (CDU) plant aber noch weitere Klärungen, da alle
bestehenden Systeme Vor- und Nachteile hätten. Im Sommer sollen
mehrere Modelle per Verbraucherbefragung getestet werden.

Der Zusammenschluss medizinischer Fachgesellschaften und
Forschungseinrichtungen DANK plädiert für eine schnelle Einführung
des Nutri-Scores. Die Studie zeige, dass ein Label in Ampelfarben das
Verbraucherverhalten direkt beeinflusse - Der Absatz von Softdrinks,
die rot gekennzeichnet waren, ging den Studienergebnissen zufolge um
bis zu 56 Prozent zurück. DANK steht für Deutsche Allianz
Nichtübertragbare Krankheiten.

Die Organisation Foodwatch stellte erneut Forderungen an die
Landwirtschaftsministerin: «Spätestens diese Studienergebnisse müssen
Ministerin Klöckner zu einer Erklärung bringen, ihre Politik radikal
zu ändern», sagte Geschäftsführer Martin Rücker am Donnerstag laut
Mitteilung. Die CDU-Politikerin habe ein gewaltiges Problem zu
bekämpfen, setze aber allein auf freiwillige Pseudo-Maßnahmen, deren
Wirkungslosigkeit von vornherein feststehe.

Die Cochrane-Studie nennt noch weitere Möglichkeiten, um den Konsum
der ungesunden Drinks zu senken: So seien zum Beispiel auch weniger
oder keine zuckerhaltigen Getränke in Schulen sowie Preiserhöhungen
von zuckrigen Drinks in Restaurants, Geschäften und
Freizeiteinrichtungen wirksam. Gesündere Getränke könnten gefördert
werden, indem man sie zu Standardgetränken bei Menüs in
Restaurantketten macht oder in Supermärkten besser bewirbt und
platziert. Auch lokale Gesundheitskampagnen oder Maßnahmen für
Zuhause - wie Heimlieferungen von Getränken mit keinem oder wenig
Zucker - könnten das Trinkverhalten verbessern.

Zuckerhaltige Getränke seien wahrscheinlich so gefährlich, weil der
Konsum flüssigen Zuckers bei den meisten Menschen kein entsprechendes
Sättigungsgefühl hervorrufe, sagte Studienautor von Philipsborn.
Nehme der Körper die gleiche Menge Zucker in fester Form auf, werde
er in der Regel viel stärker satt. Das könnte mit der Evolution
zusammenhängen - vor 200 Jahren gab es einfach noch keine gezuckerten
Getränke. Der Mensch hat sich also schlicht noch nicht daran gewöhnt.

Hinzu komme, dass Zucker in Getränken ein sehr starkes Verlangen nach
mehr davon auslöse - vermutlich sogar mehr als beispielsweise bei
Schokolade. Es gebe Hinweise darauf, dass flüssig aufgenommener
Zucker noch stärker wirke, auch weil der Körper ihn besonders schnell
aufnehme, ergänzte von Philipsborn. «Das gibt einen echten
Zucker-Kick.»

Übergewicht und Diabetes nehmen weltweit zu. Hans Hauner, Mitautor
der Studie und Ernährungsmediziner an der Technischen Universität
München sagte, dass sich dieser Trend nur mit umfassenden und
wirksamen Maßnahmen umkehren werde: «Speziell Regierungen und
Industrie müssen ihren Teil beitragen, dass die gesunde Entscheidung
für Konsumenten die einfache Entscheidung wird.»

Cochrane ist ein globales Netzwerk unter anderem von klinischen
Forschern und Ärzten. Der Schwerpunkt liegt auf der Erstellung von
Übersichtsberichten verschiedener Forschungsbereiche.