Agenturmeldungen

Medizin-Experten empfehlen tiefgreifende Reformen bei Heilpraktikern

22.08.2017

Viele Patienten vertrauen neben der klassischen Schulmedizin auch auf
die Hilfe eines Heilpraktikers. Experten aus ganz Deutschland sehen
das kritisch. Sie fordern die Politik zu tiefgreifenden Veränderungen
auf.

Münster (dpa) - Eine 17-köpfige Expertengruppe sieht durch schlecht
qualifizierte Heilpraktiker das Wohl von Patienten in Deutschland
gefährdet und spricht sich für tiefgreifende Reformen aus. Der Beruf
des Heilpraktikers sollte entweder ganz abgeschafft oder grundlegend
reformiert werden, heißt es im «Münsteraner Memorandum». Die Politik
dürfe nicht länger hinnehmen, dass sich Alternativmediziner nach
einer kurzen, weitgehend unregulierten Ausbildung als staatlich
anerkannte Heilpraktiker bezeichnen dürfen. Das erwecke bei Patienten
den Eindruck, Heilpraktiker seien eine gleichwertige Alternative zu
Ärzten, die ein langjähriges Studium absolviert hätten. Das könne
gefährliche Folgen haben. Veröffentlicht wurden die Forderungen am
Montag im Deutschen Ärzteblatt.

Die Gruppe um die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert beklagt,
dass die Alternativ-Mediziner trotz fehlender wissenschaftlicher
Beweise für die Wirksamkeit ihrer Methoden tätig würden. Die
Expertengruppe greift in dem Memorandum als Negativbeispiel den Fall
eines Heilpraktikers am Niederrhein auf. Der hatte im Sommer 2016
Patienten in einer alternativen Krebspraxis behandelt. Drei von ihnen
starben später. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger
Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Die Politik hatte daraufhin
bereits angekündigt, die rechtlichen Grundlagen zu überprüfen.

Heilpraktiker benötigen für ihre Arbeit eine staatliche Erlaubnis,
die sie nach einer erfolgreichen Prüfung ohne ein Medizin-Studium
erhalten. Patienten schätzen unter anderem den fehlenden Zeitdruck in
deren Praxen. Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten die Kosten der
Behandlung allerdings nicht.

Heilpraktiker dürfen keine rezeptpflichtigen Arzneien verschreiben
oder herstellen. Das gleiche gilt für Betäubungsmittel. Sie dürfen
auch nicht röntgen, den Tod feststellen oder in Fachbereichen wie der
Zahnmedizin oder Geburtshilfe tätig werden.

Unterschrieben haben das Memorandum Experten aus verschiedenen
Fachrichtungen, darunter Medizin-Ethiker, Juristen, Historiker,
Pflegeexperten und ein Journalist. «Wir wollten den gegenwärtigen
Irrsinn nicht länger hinnehmen», sagt Schöne-Seifert laut Mitteilung.

Die Autoren erhoffen sich von ihren Vorschlägen, dass das Vertrauen
in das deutsche Gesundheitswesen gestärkt und die Patientenversorgung
verbessern wird. Das Label «staatlich anerkannt» solle nach einer
Reform wieder ein Qualitätsmerkmal für Patienten sein. Sie fordern
die Politik auf, das Heilpraktikerwesen «nicht nur kosmetisch,
sondern grundlegend zu reformieren». Dabei solle der
Heilpraktikerberuf durch die Einführung eines spezialisierten
Fach-Heilpraktikers abgelöst werden. Die Experten schlagen dazu vor,
Mitarbeiter der bestehenden Gesundheitsfachberufe wie Alten- und
Krankenpfleger zusätzlich zu qualifizieren.

Die Deutsche Stiftung Patienschutz begrüßte das «Münsteraner
Memorandum». «Es ist überfällig, dass das Heilpraktikerrecht
grundlegend reformiert wird.» Es fehlten einheitliche Standards für
den Heilpraktikerberuf. «So können Patienten kaum zwischen einem
seriösen Anbieter und einem Scharlatan unterscheiden», sagte Vorstand
Eugen Brysch laut Mitteilung. Bundesgesundheitsminister Gröhe sei
gefragt, dieses Thema umgehend auf die politische Tagesordnung zu
setzen. Brysch: «Es darf nämlich nicht sein, dass es in Deutschland
weiterhin einfacher ist, Heilpraktiker zu werden als Krankenpfleger.»