Agenturmeldungen

Merck prüft Abspaltung von rezeptfreien Arzneien

05.09.2017

Der Chemie- und Pharmakonzern überlegt, ob er sich von seinem
Geschäft mit Mitteln wie Nasensprays oder Multivitamintabletten
trennen soll. Der Bereich bringt stabile Erträge - doch Merck will
sich auf andere Felder konzentrieren.

Darmstadt (dpa) - Der Darmstädter Merck-Konzern stellt die Weichen
für seine Pharmasparte neu. Weil das Geschäft mit rezeptfreien
Arzneien wie Nasenspray oder Multivitamintabletten offenbar nicht
länger in das eigene Portfolio passt, erwägt Merck nun verschiedene
Optionen für den Bereich. In Betracht kämen eine strategische
Partnerschaft mit einem anderen Pharmakonzern oder ein teilweiser
oder kompletter Verkauf, teilte der Dax-Konzern am Dienstag mit.
Mögliche Maßnahmen müssten aber noch geprüft werden. 

Spekulationen über einen Verkauf des Selbstmedikation-Geschäfts
(«Consumer Health») gab in den vergangenen Jahren immer wieder. Noch
im Mai war die Leiterin des Bereichs, Uta Kemmerich-Keil, in einem
Interview mit der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX diesen
entgegengetreten und hatte den Bereich als stabilen «Cash-Generator»
für den Konzern bezeichnet. 2016 Jahr erzielte Merck dort Umsätze von
860 Millionen Euro - rund 15 Milliarden Euro waren es konzernweit.

Gerade stabile Erträge sind ein Pfund, mit dem Merck nun bei
Interessenten wuchern kann. Consumer Health habe eine solide Position
in attraktiven Märkten und erziele wiederholt ein profitables
Wachstum, erklärte Pharma-Vorstand Bélen Garijo. Doch der Konzern
halte es für «zunehmend herausfordernd, dieses Geschäft intern so zu
finanzieren, dass es die notwendige Größe erreichen kann».  An der
Börse kam die Nachricht über mögliche Abspaltungspläne gut an.
Merck-Aktien stiegen am Dienstag um gut 3 Prozent auf über 95 Euro.

Tatsächlich ticken die Uhren bei Merck inzwischen anders. Der Konzern
hat durch Zu- und Verkäufe wie des US-Laborausrüsters Sigma-Aldrich
den Umbau zu einem Wissenschafts- und Technologieunternehmen
vorangetrieben. Nach Jahren der Flaute ist auch die Pharma-Sparte
wieder in Fahrt. Zugleich spürt Merck den Innovationsdruck der
Branche. «Healthcare setzt im Wesentlichen auf seine
Biopharma-Pipeline», sagte Merck-Chef Stefan Oschman laut Mitteilung.
Bedeutet: Das Selbstmedikation-Geschäft fällt nicht darunter.

Die Hoffnungen in Darmstadt ruhen auf der jüngst in Europa
zugelassenen Multiple-Sklerose-Tablette Cladribin («Mavenclad»), aber
vor allem auf dem Krebsmedikament Avelumab. Das Mittel ist bereits in
den USA für zwei kleinere Indikationen zugelassen, in Europa kann
Merck auf eine erste Zulassung zur Behandlung eines seltenen und
aggressiven Hautkrebs hoffen. Studien für zahlreiche weitere
Tumorarten, die noch höhere Umsätze versprechen, laufen.

Doch die Forschung dafür ist intensiv und teuer. Merck-Chef Oschmann
hatte daher für das laufende Jahr einen deutlichen Anstieg der
Forschungs- und Entwicklungsausgaben in Aussicht gestellt. Merck
kündigte nun an, die Erlöse aus einer möglichen Transaktion des
Selbstmedikation-Geschäfts einzusetzen, um die Finanzziele des
Konzerns zu unterstützen. Zuletzt hatte Merck zum zweiten Quartal
seine Umsatzziele auch wegen Konkurrenzproblemen im
Flüssigkristall-Geschäft etwa für Displays senken müssen.