Agenturmeldungen

Mit Alzheimer ins Krankenhaus: «Der denkbar schlechteste Ort»

19.09.2017

Wiesbaden (dpa) - Fast doppelt so viele Patienten wie vor 15 Jahren

werden wegen Alzheimer im Krankenhaus behandelt. Das hat das

Statistische Bundesamt anlässlich des Welt-Alzheimer-Tages am

Donnerstag (21. September) ausgerechnet: 19 049 waren es im Jahr

2015. «Damit ist die Zahl der stationär behandelten Fälle in den

letzten 15 Jahren insgesamt um 85 Prozent angestiegen», berichtete

Destatis-Mitarbeiter Torsten Schelhase am Dienstag.

 

Winfried Teschauer, Vorstandsmitglied der Deutschen

Alzheimer-Gesellschaft, findet die Zahl «irreführend». In Wahrheit

würden «mindestens 50 Mal so viele» Patienten mit Demenz in Kliniken

aufgenommen. Er beruft sich auf eine Studie der Robert Bosch

Stiftung. Der Grund für die Abweichung zu den Zahlen der Statistiker

liege in der Diagnose, die das Krankenhaus für die Abrechnung mit den

Kassen eintrage.

 

Nur selten sei die Demenz selbst die Hauptdiagnose, meist seien es

deren Folgen. «Oberschenkelhalsbruch nach einem Sturz ist der

Klassiker», sagt Teschauer. Aber auch «alle anderen Krankheiten, die

alte Menschen so haben», von der Lungenentzündung bis zu

Herzproblemen, könnten Grund für einen Krankenhausaufenthalt sein.

Eingetragen - und danach von der Statistik erfasst - würde aber nur

«die erlös-relevante Diagnose», sagt Teschauer. «Dass der Patient

darüber hinaus auch dement ist, wird nicht eingetragen und oft auch

nicht weiter beachtet.»

 

Genau das sieht der Neurobiologe als Problem. Demente Patienten

zeigten im Krankenhaus noch stärker als in ihrer gewohnten Umgebung

«herausfordernde Verhaltensweisen».

 

Solche Verhaltensweisen seien oft auch der Grund, wenn Patienten mit

der Hauptdiagnose Alzheimer ins Krankenhaus kämen: Angehörige oder

Pflegekräfte im Heim wüssten sich nicht mehr zu helfen und brächten

Patienten «aus Hilflosigkeit» ins Krankenhaus. Dabei sei eine Klinik

«der denkbar schlechteste Ort». Geistig gehe es den meisten nach

einem Klinikaufenthalt schlechter als zuvor. 

 

Oft werde das Krankenhaus für Demenzkranke «zum gefährlichen Ort»,

glaubt auch Eugen Brysch, Vorsitzender der Deutschen Stiftung

Patientenschutz. «Denn die fremde Umgebung, fehlende Bezugspersonen,

Hektik und mangelnde Kommunikation fördern Angstzustände der

Betroffenen. Doch geschultes Pflegepersonal für Demenzkranke in der

Klinik fehlt.»

 

Auch der Sozialverband VdK kritisiert, die Krankenhäuser seien oft

nicht auf den Umgang mit Menschen mit Alzheimer vorbereitet. «Es

fehlt in Krankenhäusern an einer demenzsensibilisierten Versorgung,

an geriatrisch geschultem Personal wie an Personal überhaupt», sagte

VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Außerdem müsse mehr geforscht werden,

damit Demenz früher erkannt und die Folgen verlangsamt werden können.

 

Klar ist: So lange Alzheimer nicht heilbar ist, wird das Problem

größer. «Die Häufigkeit von Demenzerkrankungen nimmt mit dem

Lebensalter zu», erklärt die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft. Aktuell

sind in Deutschland etwa 1,6 Millionen Menschen von einer

Demenzerkrankung betroffen. «Die meisten sind 85 Jahre und älter.»

 

Dass mehr Alzheimer-Patienten ins Krankenhaus kommen, liegt also vor

allem daran, dass es immer mehr Hochbetagte gibt. Aus Tabellen des

Statistischen Bundesamtes geht hervor, dass sich die Zahl der über

85-Jährigen in den vergangenen 15 Jahren weit mehr als verdoppelt hat

(plus 144 Prozent).