Agenturmeldungen

Mit Ping im Ohr ums Hindernis

02.06.2017

Bochumer Forscher entwickeln einen Blindenradar. Sehr schnell sind
sie bei sehr grundsätzlichen Fragen: Wie orientieren sich Blinde im
Raum? Und welche Information brauchen sie dabei wirklich?

Bochum (dpa) - Simon Janatzek (41) ist blind. Die Sonne scheint, so
viel sagen ihm seine 0,018 Prozent Rest-Sehfähigkeit. Sein
Blinden-Navi fürs Handy leitet ihn bis vors Ingenieursgebäude D an
der Ruhr-Uni Bochum. Aber wie es drinnen mit den vielen Tausend
Türen weitergeht, das weiß er nicht. Hier wird an einem Gerät
geforscht, dass ihm bei der Orientierung in Gebäuden weiterhelfen
könnte. Janatzek will wissen, wie weit die Entwickler mit ihrem
Blindenradar sind. Und ob er Hoffnung in diese Technik setzen darf.

Viele haben schon an technischen Hilfsmitteln für Blinde getüftelt.
Diese vermessen die Umgebung - etwa per Ultraschall oder per Kamera -
und melden dem Träger per Vibration oder Tonsignal, wo Hindernisse
und Wege sind. Das Karlsruher Institut für Technologie entwickelt zum
Beispiel eine Art Warnkappe: Sechs Ultraschall-Sensoren um den Kopf
melden nahe Hindernisse durch Druck.

In der Praxis sieht man solche Geräte kaum, sagt Janatzek. Er achtet
auf so etwas, denn er verkauft beruflich Blinden-Hilfsmittel. «Ich
höre immer: Bei großen Hindernissen funktioniert das. Aber
kleinere Höhenhindernisse wie ein stehendes Fahrzeug mit einem
ausladenden Spiegel oder eine heruntergelassene Bühne, das geht
meistens relativ schlecht.» In der Praxis sehe man Blinde mit Stock
oder Hund oder - wie Janatzek - mit Begleitperson. Deutschlandweit
gibt es nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 650 000 und 1,2
Millionen Blinde und Sehbehinderte.

Drei Bochumer Forschungsinstitute und einige Industriepartner
entwickeln gerade einen neuen Ansatz. Zumindest ist Radartechniker
Nils Pohl bisher kein Ansatz mit Radar bekannt. Die für die Schiff-
und Luftfahrt entwickelte RA.D.A.R.-Technik (RAdio Detection And
Ranging) sendet Radiowellen aus und stellt Objekte, die diese
zurückwerfen, auf einer Umgebungskarte dar. Pohls Lehrstuhl für
Integrierte Systeme arbeitet bisher viel mit Radarsensoren etwa für
autonomes Fahren.

«Wir haben die Idee, dass wir mit dieser Sensorik und
ihrer Hörbarmachung Menschen direkt helfen können», sagt Pohl. Der
Bochumer Blindenradar soll anders als optische oder Sonar-Geräte auch
an lauten oder dunklen Orten funktionieren. Er soll dem Träger über
ein Hörgerät mit einem Ping-Geräusch anzeigen, wo ein Weg ist und wo
ein Hindernis. Der Raum soll praktisch hörbar werden.

Bis dahin ist es freilich noch ein weiter Weg. Unter anderem müssen
die Entwickler Skeptiker wie Gerhard Renzel vom Deutschen Blinden-
und Sehbehindertenverband (DBSV) überzeugen. Der äußert zur Bochumer
Akustiknavi-Idee «äußerste Zurückhaltung». Der Verbands-Ausschuss für
Umwelt und Verkehr, dem er vorsitzt, habe schon oft mit derartig
ambitionierten Ideen zu tun gehabt. Zu oft schon hätten sie am Ende
den hohen Hürden für ein wirklich hilfreiches Blinden-Hilfsmittel
nicht genügt.

Noch können die Bochumer Forscher viel richtig oder viel falsch
machen. Denn bislang stecken sie tief drin in der Entwicklung der
drei Komponenten, die einmal ein integriertes System werden sollen.
Die Radartechniker testen auf einem ihrer Flure noch, was bei der
Raum-Erfassung geht und was nicht. Kann der Radar etwa Türen und
Klinken erkennen? Janatzek hofft darauf. Für den Laien sind auf dem
Radar-Schirm bei angestrengtem Hinschauen neben blauem Bildrauschen
und grüngelber Leere einige rote Häufungen zu erkennen: Wände.

In einem Raum mit schallschluckenden Schaumstoffen testen die
Kommunikationsakustiker um Gerald Enzner das Audio-Leitsystem in
einem virtuellen Labyrinth. Janatzek setzt einen Kopfhörer auf. Ein
Ping-Geräusch mit Richtungs-Information leitet ihn. Es zeigt an,
wohin Janatzek sich als Nächstes bewegen muss. Er dreht sich so
lange, bis er das Geräusch direkt vor sich hört. Macht er per
Knopfdruck einen Schritt nach vorn in dem imaginären Labyrinth,
springt der Ping weiter. Er ist Janatzek immer einen Schritt voraus.
Vom Prinzip her stellen sich die Forscher so die Navigation vor.

Janatzek mit seiner lebenslangen Navigationserfahrung als Blinder
bewegt sich sicher durch den virtuellen Irrgarten. Zahlreiche
technische Probleme sind aber noch ungelöst. Die 3D-Hörumgebung macht
zwar ein Links-Rechts-Richtungshören möglich - ob ein Ping aber vor
oder hinter einem ist, könne die Technik nicht unterscheidbar machen,
das klinge gleich, sagt Gerald Enzner. Auch sind die einzelnen
Komponenten - der Radar, der Computer und das Hörgerät - noch viel zu
groß.

Die Arbeit führt tief in grundlegende Fragen: Wie viel Information
braucht ein Blinder, um sich sicher zu orientieren? Und sind dafür
Hindernisse oder mögliche Wege wichtiger? Simon Janatzek zum Beispiel
wüsste beim Betreten eines Raums gerne: «Wo sind alle Ausgänge,
welche verschiedenen Wege gibt es hier für mich?» Einige Blinde wären
von so viel Ping aber eher erschlagen. Enzner glaubt: «Weniger ist
mehr. Überinformation kann auch zu Missverständnis und
Informations-Überlastung führen.»

Das ist auch für Gerhard Renzel vom DBSV der Knackpunkt. Essenziell
sei, dass das Gehör nicht belastet wird. «Das Gehör ist für
sehbeeinträchtigte Menschen das Wichtigste, ohne das ist man
aufgeschmissen.» Auch könne ein Blindenradar nie den Blindenstock
ersetzen. Die Radartechnik sei im Grundsatz gut, aber sie werde nur
kombiniert funktionieren, «mit all dem, was wir eigentlich schon
erreicht haben».

Die Bochumer Forschungs-Ergebnisse müssten beispielsweise mit dem vor
einem Jahr abgeschlossenen Projekt «mobile multi-modal mobility
guide» (m4guide) verknüpft werden. Bei dem vom
Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekt wird
Satelliten-Navigation mit Bus- und Bahnfahrplänen und
Gebäude-Grundrissen zu einer Tür-zu-Tür-Navigation kombiniert.
Höchstens dann sieht Renzel für den Blindenradar Chancen als
«Zusatzding», wie er sagt.

Ob den Bochumern das gelingt, wird sich in gut zwei Jahren zeigen. So
lange fließen noch die 1,8 Millionen Euro Förderung von EU und dem
Land Nordrhein-Westfalen. Dann wollen die Forscher einen ersten
Prototypen haben, der das Prinzip demonstriert.