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Nach Krieg und Flucht: Wie Ärzte Kinder vor Traumata schützen

05.09.2016

Dass sich Traumata durch Bomben und Fluchterlebnisse auf die nächste Generation auswirken können, ist lange belegt. In Berlin versuchen Ärzte und Psychologen ein behutsames Gegensteuern bei geflüchteten Müttern und ihren Kleinkindern.  

Berlin (dpa) - Die jungen Mütter haben es sich auf weichen Decken auf dem Fußboden bequem gemacht, ihre Kleinkinder robben im Spielzimmer um sie herum. Was auf den ersten Blick wie eine ganz normale Krabbelgruppe aussieht, hat ein anderes Ziel. Unter den Frauen sind Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Was sie im Krieg, in ihrer Heimat oder auf der Flucht erlebt haben, behalten sie oft für sich.

Am Vivantes-Klinikum im Berliner Bezirk Neukölln versuchen geschulte Mitarbeiter zu verhindern, dass die seelische Verfassung der Mütter auch ihre Babys oder Kleinkinder trifft - und mögliche Traumata «vererbt» werden.

«Hand in Hand» heißt dieses Programm in Berlin. Mitentwickelt hat es die Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt (Main). «Furchtbare Erinnerungen lassen sich nicht löschen», sagt sie. «Doch die ungebrochene Weitergabe von Traumata an die nächste Generation lässt sich abfedern und abmildern.» Es gehe vor allem darum, die Empathiefähigkeit von Müttern mit kleinen Kindern wieder zu stärken.

Denn oft ist die Fähigkeit, sich in die Bedürfnisse eines kleinen Kindes einzufühlen, durch schreckliche Erlebnisse blockiert. Nicht bewusst und ohne Absicht - aber mit Folgen. Es beginne bereits mit einer gestörten non-verbalen Kommunikation zwischen Mutter und Baby in den ersten Lebensmonaten, berichtet Leuzinger-Bohleber. Eine mögliche Folge von Defiziten in dieser prägenden Zeit seien bei Kindern Bindungsstörungen, die sich durch das ganze Leben ziehen könnten. 

Am Klinikum Neukölln arbeiten Psychologin Korinna Fritzemeyer und Familiensoziologin Hildegard Rossi seit Januar nach Leuzinger-Bohlebers Konzept: In ihren fünf Gruppen treffen sich inzwischen Mütter aus 32 Ländern und Kindern bis zu drei Jahren. Um sie zu gewinnen, besuchen die Organisatorinnen nicht nur Flüchtlingsunterkünfte, sie nutzen auch die große Geburtsstation der Klinik für Einladungen. Das ist ein Zufallsprinzip, aber ein kleiner Anfang in der Hauptstadt mit rund 60 000 Flüchtlingen.

«Bei Flüchtlingsmüttern in einer schlechten seelischen Verfassung gibt es oft zwei Reaktionsmuster», erläutert Fritzemeyer. Eine sei das «lange Gesicht». Dabei reagierten Mütter nicht auf die Versuche der Kontaktaufnahme ihrer Säuglinge oder Kleinkinder - Mimik oder auch ausgestreckte Händchen. «Irgendwann wendet sich das Kind dann auch ab», ergänzt sie. Da Kleinkinder Sprache vor allem über die Interaktion mit der Mutter lernten, könne eine verzögerte Sprachentwicklung ein erstes Zeichen für negative Folgen sein. Eine zweite Möglichkeit sei eine Art Ohnmachtsreaktion der Mutter, ergänzt die Psychologin. Ein schreiendes Kind ist ihr zu viel, sie tröstet es nicht, ignoriert seine Bedürfnisse. 

Das Phänomen einer traumatisierten zweiten Generation wird spätestens seit dem Holocaust in der Wissenschaft thematisiert. Es spielte auch bei den «Kriegskindern» nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle, nur dachte da bei apathischen Müttern oder gewalttätigen Vätern, die aus Gefecht oder Gefangenschaft heimkehrten, kaum jemand an Traumata als Ursachen - und ans Gegensteuern.

Auch heute muss es nicht gleich unter dem Label «Therapie» laufen. In einer Studie hat Leuzinger-Bohleber belegt, dass eine Mutter-Kind-Gruppe mit gezielt geschulten Betreuern das Stressniveau von Kindern aus Migrantenfamilien im Vergleich zu einer Kontrollgruppe senken konnte. «Der reine Elterntreff als Kaffeeklatsch hat gar nichts gebracht», berichtet sie. Der Clou des erfolgreicheren Konzepts sei gewesen, dass auch Migrantinnen mit Kindern, die schon länger in Deutschland leben, den Neuankömmlingen helfen. Denn sie wissen besonders gut, wie fremd man sich in Deutschland fühlen kann. Auch das Bosch-Krankenhaus in Stuttgart habe dieses Konzept aufgegriffen, sagt die Psychoanalytikerin. 

Nicht alle Flüchtlinge haben seelische Leiden. Bei der Bundespsychotherapeutenkammer schätzt Präsident Dietrich Munz, dass maximal die Hälfte der Geflüchteten psychische Probleme hat. «Doch nur schätzungsweise zehn Prozent von ihnen brauchen eine Behandlung bei einem Spezialisten und wollen sie auch», sagt er. Die Situation sei ähnlich wie bei körperlichen Erkrankungen, zum Beispiel einer Grippe. «Nicht jeder Patient braucht dann einen Facharzt. Bei vielen reichen zwei Wochen Bettruhe, bei anderen der Hausarzt und nur ganz wenige müssen ins Krankenhaus.»

Doch es bleibt das Problem, dass traumatisierte Mütter ihr Leiden an ihre Kinder weitergeben können. Vor allem in den ersten Lebensjahren, wenn die Beziehung besonders eng ist. «Je eher wir eine Frau erreichen, desto besser geht das Hilfskonzept auf», sagt Kinderarzt Rainer Rossi, der das Projekt am Mutter-Kind-Zentrum der Berliner Klinik verankert hat. «Wenn eine Frau Mutter wird, ist sie am ehesten bereit, Hilfe anzunehmen. Denn alle wollen nur das Beste für ihr Kind.» Finanziert wird «Hand in Hand» bis 2019 mit 290 000 Euro - vor allem über eine Stiftung des schwedischen Königshauses und die Aktion Mensch.

Ganz von vorn anfangen musste Chefarzt Rossi nicht. Das Zentrum im Bezirk Neukölln, in dem viele Migranten wohnen, ist mit seinem Hilfsangebot «Baby-Lotse» an alle Frauen, die hier entbinden, ohnehin auf frühe Hilfen ausgerichtet. Die Mütter-Treffs sind nun ein weiterer Baustein. Das Krabbelgruppen-Image kann dabei täuschen.

Geschulte Krankenschwestern oder Erzieherinnen achten im Spielzimmer darauf, wie geflüchtete Frauen mit ihren kleinen Kindern umgehen. Fehlt eine in der Gruppe, wird sie angerufen. Gerade für Flüchtlinge sei es wichtig, dass sie jemand vermisst und sie einen festen Platz haben, betont Hildegard Rossi.  

Im Mutter-Kind-Treff sitzt nun auch die Taiwanesin Jo* auf der weichen Spieldecke. Sie lebt schon seit mehreren Jahren in Berlin. Ohne Scheu erzählt die quirlige 34-Jährige zwei verschleierten Frauen, dass ihre zweijährige Tochter Martha in Berlin von Fremden Schokolade zugesteckt bekomme und sich lautstark mit anderen Kindern um Spielzeug zanke. «In Taiwan wäre so etwas unmöglich», sagt sie.

«Und bei euch?» Inaam (40) aus Syrien und Aven (23) aus dem Irak verstehen kein Deutsch. Inaams 15-jährige Tochter übersetzt. Sie geht seit einigen Monaten zur Schule und hat die fremde Sprache schnell gelernt. Das junge Mädchen wirkt so ernst wie seine Mutter. Die direkte deutsche Art zu reden und zu fragen ist den Frauen noch fremd.

Doch Inaam, die vier Kinder hat, kommt trotzdem in die Gruppe. In Deutschland sei alles gut, sagt sie kurz. Erst nach und nach erfahren die anderen Frauen über die Tochter, warum die Syrerin keinen Deutschkurs besucht: Sie findet keine Betreuung für ihren kleinen Sohn Hussein. Auch dafür ist die Gruppe gut - nun gibt es Tipps für die Suche nach einer Kita. Hussein wippt auf einem Schaukelpferd. Die Betreuerinnen haben alle Kinder der Gruppe mit im Blick. Spielen sie ungewöhnlich zurückgezogen oder sind sie hyperaktiv? Beides könnte ein Anzeichen für eine Bindungsstörung sein, sagt Psychologin Fritzemeyer.    

Und dann? Oft helfen sich die Mütter untereinander. Migrantinnen zeigen Neuankömmlingen, wie sie beim Wickeln mit ihren Babys schäkern, beim Spielen die Größeren umarmen, Tränen trocknen oder gelassen auf Gezänk und Gebrüll reagieren. All das funktioniert zur Not ohne Dialog, nur mit Händen und Füßen. Auch die Kinder lernen voreinander. «Die Größeren streiten sich ganz schnell auf Deutsch», sagt Fritzemeyer schmunzelnd. Nur wenn die kleinen Hilfen nicht ausreichen, um die Traurigkeit oder Apathie von manchen Flüchtlingsmüttern zu durchbrechen, kümmert sie sich um die Vermittlung in eine Traumatherapie.