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«Nicht nur Spielerei» - Wie Smartphone-Apps Behinderten helfen

27.11.2017

Berlin (dpa) - «Ich möchte dem Entwickler dieser App meine tiefe

Dankbarkeit aussprechen. Trotz meiner Sehbehinderung bin ich immer

ein unternehmungsfreudiger Mensch gewesen - jetzt ermöglicht mir

diese App, noch viel besser spazieren zu gehen», schreibt der Nutzer

«Daiseeh» aus den USA. Und «Richard» aus Großbritannien kommentiert

im Internet: «Diese App ist brillant. Jetzt kann ich Orte in meiner

Stadt erkunden und Dinge kennenlernen, die ich bisher nicht kannte.

Es ist einfach befreiend.»

Die Rede ist von einem kleinen Programm für ein kleines Gerät, dessen

Prinzip so einfach wie einleuchtend ist. Die Smartphone-App mit dem

Namen «Ariadne GPS» bietet eine Navigationshilfe, die dem Nutzer an

jedem Ort erklärt, was vor, neben und hinter ihm liegt: Straßennamen,

Lokale, Museen und vieles mehr. Die von einem italienischen

Informatiker entwickelte Sprachanwendung ist auch auf Deutsch

verfügbar, läuft bislang aber nur auf dem iPhone. Für Blinde und

Sehbehinderte ist die App nicht weniger als eine kleine Revolution.

Eine sehr wirkungsvolle Idee hatte auch der Berliner

Inklusions-Aktivist Raul Krauthausen. Er sitzt im Rollstuhl und ist

regelmäßig mit dem Problem mangelnder Barrierefreiheit konfrontiert.

«Ein Freund hatte sich beschwert, dass wir uns immer in demselben

Café treffen müssen. Wir beide wussten aber nicht, in welchem anderen

Café ein Treffen überhaupt möglich wäre, ohne eine Stufe am Eingang

zu haben», berichtet Krauthausen. Daraufhin startete er die App

«Wheelmap» für Android, iPhone und Windows 10. Sie basiert auf frei

verfügbarem Kartenmaterial und enthält Informationen zur

barrierefreien Zugänglichkeit von mehr als 800 000 Orten wie

Restaurants, Bibliotheken oder Schwimmbädern.

«Wheelmap» basiert auf dem Prinzip des «User-generated content»:

Jeder Nutzer kann neue Orte in die Karte eintragen und sie mit

Informationen zur Zugänglichkeit für Rollstuhlfahrer und

Gehbehinderte versehen. Krauthausen erklärt, was dabei zu

berücksichtigen ist: «Komme ich als Rollstuhlfahrer überhaupt rein?

Gibt es Stufen oder auch eine Rampe? Dann sollte man prüfen, ob

wirklich alle Räume zu erreichen sind.» Je nach Barrierefreiheit

erhalten die Orte eine Ampelfarbe: Grün steht für «voll

rollstuhlgerecht», gelb markierte Orte haben höchstens eine

Treppenstufe und rot gekennzeichnete Orte sind für Rollstuhlfahrer

nicht zugänglich.

Dass Smartphone-Apps immer häufiger eine wichtige Hilfe für Menschen

mit Behinderung darstellen, betont auch Cornelia Jurrmann vom

Sozialverband VdK. «Apps sind für sehr viele Menschen längst fester

Bestandteil ihres Alltags. Mobile Anwendungen zur Barrierefreiheit

sind auf keinen Fall nur eine nette Spielerei», erklärt sie. Neben

Navigationshilfen gibt es Apps, die Speisekarten vorlesen, Durchsagen

in Zügen verschriftlichen oder autistischen Menschen eine

Kommunikation mit Bildern ermöglichen. Einen hilfreichen Überblick

der verfügbaren Programme bietet das Rehadat-Informationssystem des

Instituts der deutschen Wirtschaft.

Bislang sind viele der Apps, die Menschen mit Behinderung im Alltag

helfen, von Privatpersonen oder von sozialen Initiativen ins Leben

gerufen worden. Der VdK fordert deshalb, dass sich auch die

Wirtschaft mehr um das Thema kümmert. «Von Seiten der App-Entwickler

muss ein Umdenken stattfinden, dass Barrierefreiheit nicht nur einem

kleinen Personenkreis nützt, sondern sehr vielen Menschen. Den

meisten ist nicht bewusst, dass über 90 Prozent aller Einschränkungen

erst im Laufe des Lebens erworben werden, dass also jeder betroffen

sein kann», sagt Jurrmann.

Ein Unternehmen, das mit solch einer App bereits seit 2009 am Markt

ist, heißt «Verbavoice». Es bietet Gehörlosen Simultandolmetscher an,

die per Internet-Videoübertragung live aufs Smartphone oder Tablet

zugeschaltet werden. Kunden sind vor allem Studenten, die mithilfe

der App Vorlesungen besser verstehen können. Der kostenpflichtige

Service wird dann meist von den Krankenkassen oder Sozialämtern

übernommen. Mittlerweile bietet «Verbavoice» seine Dienste aber auch

Landtagen, Stadträten und Unternehmen an. Denn eines steht fest:

In Sachen Barrierefreiheit gibt es noch viel zu tun. Und Apps werden

dabei in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen.