Agenturmeldungen

Reform des Medizinstudiums: Mehr Patientennähe - und raus aufs Land

31.03.2017

Schwarz-Rot hat sich eine stärkere Position des Hausarztes schon im
Medizinstudium vorgenommen. Auf der Zielgeraden der Koalition wird
nun doch noch etwas aus dem «Masterplan 2020» von Bund und Ländern.
Wichtige Einzelheiten soll eine Expertenkommission klären.

Berlin (dpa) - Mediziner sollen schon während ihres Studiums näher an
die Patienten herangeführt und über Quoten häufiger als bisher für
eine Niederlassung als Landarzt gewonnen werden. Dies sieht der am
Freitag von Bund und Ländern beschlossene «Masterplan Medizinstudium
2020» vor. Detailfragen und Kosten soll in nächster Zeit eine
Expertenkommission unter Leitung der früheren Generalbundesanwältin
Monika Harms klären. Ziel der Reform: mehr Praxisnähe des Studiums
und die Stärkung der Allgemeinmedizin gegenüber Spezialistentum.

Pro Jahr schließen nach Länder-Angaben etwa 10 000 Mediziner ihr
Studium ab. Um mehr Landärzte zu gewinnen, soll den Ländern die
Einführung einer Quote ermöglicht werden. Sie könnten dann bis zu
zehn Prozent der Medizinstudienplätze vorab an bestimmte Bewerber
vergeben - diese müssten sich aber verpflichten, «nach Abschluss des
Studiums und der fachärztlichen Weiterbildung in der Allgemeinmedizin
für bis zu zehn Jahre in der hausärztlichen Versorgung in
unterversorgten beziehungsweise durch Unterversorgung bedrohten
ländlichen Regionen tätig zu sein».

Die praktische und rechtliche Umsetzung gilt aber als schwierig. «Die
eingegangene Verpflichtung wird mit wirksamen Sanktionen
abgesichert», heißt es nun im Masterplan ohne nähere Details.

Der Weg zu einem der begehrten Medizinstudienplätze soll erweitert
werden, erläuterten am Freitag die zuständigen CDU-Bundesminister
Johanna Wanka (Bildung) und Hermann Gröhe (Gesundheit). So sollen die
Hochschulen in ihren Auswahlverfahren neben der Abiturnote mindestens
zwei weitere Kriterien anwenden: Einerseits werden laut «Masterplan»
soziale und kommunikative Fähigkeiten sowie Leistungsbereitschaft der
Studienbewerber - etwa über Tests - stärker einbezogen, zum anderen
wirken sich eine Ausbildung oder Tätigkeit in medizinischen Berufen
positiv aus.

Ein besonderes Augenmerk soll im Studium dem Arzt-Patienten-Gespräch
gelten. Zudem wird angestrebt, dass angehende Ärzte «neben den bisher
im Mittelpunkt der Ausbildung stehenden hochspezialisierten Fällen an
den Universitätskliniken auch ganz alltägliche Erkrankungen in der
ambulanten und stationären Praxis kennenlernen».

Gröhe lobte die nach längerem Streit erzielte Bund-Länder-Einigung
als «großen Schritt und dauerhafte Weichenstellung» für gut
ausgebildete und motivierte Mediziner in Deutschland. Wanka und die
Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Eva Quante-Brandt
(SPD), hoben hervor, dass nun alle politisch Beteiligten hinter dem
Masterplan stünden.

Von der Kultusministerkonferenz (KMK) hieß es allerdings
einschränkend, die volle Umsetzung der Reform sei «nur möglich, wenn
zusätzliche Haushaltsmittel zur Verfügung gestellt werden. Hier
stehen auch der Bund und die für die ärztliche Versorgung zuständigen
Träger in der Pflicht.» Die KMK hatte kürzlich eine Zustimmung zum
Masterplan noch abgelehnt, weil die Finanzierung nicht gesichert sei.
 

In Deutschland gibt es nach Darstellung des AOK-Bundesverbands zwar
viele Ärzte, diese sind aber ungleichmäßig verteilt. Selbst im
hausärztlichen Bereich habe es 2015 einen Gesamtversorgungsgrad von
rund 110 Prozent gegeben, geht aus dem «Ärzteatlas 2016» des
Wissenschaftlichen Instituts der AOK hervor. Demnach kamen auf
100 000 Einwohner 456 berufstätige Ärzten (1991: 304).

Der Unterversorgung in einigen Landstrichen steht laut AOK eine
Überversorgung insbesondere in Ballungsgebieten oder den für Ärzte
attraktiven Regionen gegenüber. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung
(KBV) verweist allerdings auf eigene Statistiken mit anderen
Ergebnissen. Und der Deutsche Hausärzteverband verweist darauf, dass
Hausärzte in Ballungsgebieten häufig auch Patienten aus den
umliegenden ländlichen Regionen mit versorgen.