Agenturmeldungen

Schluss mit «Dämonenaustreibung» - Verbot von «Konversionstherapien»

11.06.2019

Elektroschocks, Gehirnwäsche, Dämonenaustreibung - mit zum Teil
unmenschlichen «Therapien» wurde in der Geschichte versucht,
Homosexualität zu «heilen». Und auch heute findet manches davon noch
statt, berichten Betroffene. Jetzt wird die Politik aktiv.

Berlin (dpa) - Bastian Melcher hat sich fast acht Jahre lang durch
verschiedene «Therapiemaßnahmen» gequält: Gespräche, Gebete,
Dämonenaustreibung - der 30-Jährige wollte seine als falsch
empfundenen homosexuellen Gefühle loswerden. «Und das hat
letztendlich zur Folge gehabt, dass ich in eine Depression gefallen
bin. Ich habe mich selbst verletzt und wollte mir mehrmals das Leben
nehmen».

Melcher ist in einem streng religiösen Elternhaus in Bremen
aufgewachsen. «Und in dem christlichen Umfeld war es einfach klar,
dass es Mann und Frau gibt und dass Homosexualität von Gott nicht
gewollt ist.» Er habe Druck verspürt, weil er zur Kirche gehören
wollte, «weil ich ein guter Christ sein wollte». Deshalb habe er von
selbst das Gespräch gesucht mit Seelsorgern und Pastoren und diese
«Therapien» gemacht, berichtet er. Am Ende wurde er psychisch krank
davon.

Ähnlich erging es Mike F. aus Bad Homburg. Zwanzig Jahre sind die
«Therapie»-Versuche bei ihm her. Der 40-Jährige berichtet, wie er
schließlich bei einem christlichen Seelsorge-Verein landete, der ihm
eine «therapeutische Maßnahme» anbot. «Angerichtet hat es sehr viel
in mir. Ich war überfordert, habe mich selbst distanziert von meinen
Mitmenschen, weil ich nahegelegt bekommen habe, verlass deine
homosexuellen Freunde, damit die Therapie Erfolg hat». Zehn Jahre
lang habe er abstinent gelebt, außer einem Händedruck nichts
zugelassen. «Das hat mich einsamer und psychisch kaputt gemacht und
mir sehr viel Zeit meines Lebens geraubt.» Auch er hatte
Suizidgedanken.

Zwei von schätzungsweise Tausenden Fällen pro Jahr. Zahlen gibt es
nicht, aber «das Ausmaß von Konversionsversuchen ist in Deutschland
viel stärker als angenommen», sagt Jörg Litwinschuh-Barthel von der
Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Das reiche vom familiären Umfeld,
Coaches und Therapeuten über Gebete bis hin zu Exorzismus. Die
Stiftung hat sich im Auftrag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
(CDU) genauer mit dem Thema beschäftigt, mit Blick auf ein mögliches
Verbot. Am Dienstag wurden in Berlin Ergebnisse präsentiert. Experten
und Gutachter kommen zu dem Schluss: Ein Verbot solcher
«Umpolungsversuche» ist sowohl medizinisch geboten als auch rechtlich
möglich.

Spahn hat daraufhin angekündigt, dass er noch in diesem Jahr ein
Verbot auf den Weg bringen will. «Konversionstherapien machen krank
und sind nicht gesund», so der Minister. Es brauche ein starkes
Signal des Staates, um Homosexuelle vor Pathologisierung,
Diskriminierung, Stigmatisierung und Leid zu schützen. Widerstände
gegen seine Pläne muss er nicht befürchten. Denn auch die
Bundesländer haben sich im Bundesrat schon für ein Verbot
ausgesprochen, und aus dem Bundestag kommt ebenfalls Zustimmung.

«Es ist ein Skandal, dass im Jahr 2019 Pseudotherapien, die darauf
abzielen, die homosexuelle Orientierung zu ändern, nach wie vor in
Deutschland stattfinden», sagt die bei den Grünen für Lesben- und
Schwulenpolitik zuständige Sprecherin, Ulle Schauws. Die Koalition
müsse nun schnell einen Gesetzentwurf vorlegen. Ähnlich äußert sich
auch ihr Kollege aus der FDP-Fraktion, Jens Brandenburg: «Was keine
Krankheit ist, kann man nicht heilen. Es ist gut, dass die
Vorbereitung eines Verbots der menschenverachtenden
Umpolungstherapien nun endlich Fahrt aufnimmt.» Die SPD-Abgeordnete
Hilde Mattheis rechnet mit einer breiten Mehrheit, «denn die meisten
Abgeordneten sind sich im Ziel einig: Wir wollen, dass kein Mensch
mehr hierzulande unter Konversionsmaßnahmen zu leiden hat».

Gesundheitsminister Spahn will mehrere Dinge gleichzeitig angehen:
Eine Änderung des Strafrechts, damit gegen Anbieter der
«Konversionstherapien» zum Beispiel Geldbußen verhängt werden können.
Außerdem plant er berufsrechtliche Regelungen für Ärztinnen oder
Ärzte, «die gegen ihren Berufsethos möglicherweise solche
Behandlungen anbieten», und sozialrechtliche Regelungen, damit die
Krankenkassen nicht auch noch dafür bezahlen müssen. Ausschließen
lässt sich nicht, dass Einzelne Therapeuten oder Ärzte über falsche
Diagnoseschlüssel so etwas bei der Krankenkasse abrechnen. Spahn
setzt bei seinem Verbot vor allem auf den aufklärerischen Effekt:
«Wenn man weiß, dass etwas verboten ist, dann führt das auch zu einem
anderen Umgang damit».

Mike F. und Bastian Melcher unterstützen die politische Debatte heute
aktiv, indem sie offen über ihre Erfahrungen mit den
pseudo-therapeutischen «Umpolungsversuchen» berichten. Für sich
persönlich haben sie mit dem Kapitel abgeschlossen. Beide sagen, sie
leben jetzt glücklich in einer Beziehung. Im Sommer steht bei Mike
sogar die Hochzeit mit seinem Partner an. Dass die Politik jetzt
etwas tut, findet er «unheimlich wichtig, weil es mehr von diesen
Therapien gibt, als die Leute denken».