Agenturmeldungen

Schneller dran beim Hausarzt, länger warten beim Facharzt

28.08.2018

Bei Gesundheitsbeschwerden ist es das Wichtigste, in einer Praxis in
guten Händen zu sein. Doch für viele zählt auch dazu, wie lange sie
sich gedulden müssen. Dabei gibt es ziemliche Unterschiede - auch je
nach Arzt.

Berlin (dpa) - Wochenlanges Warten auf einen Behandlungstermin ärgert
viele Patienten - ein größeres Problem ist das laut einer Umfrage
aber in erster Linie bei Fachärzten. Beim Hausarzt geht es dagegen
meist schnell, in dringenden Fällen besonders. Sofort einen Termin in
der Hausarzt-Praxis bekamen nach eigener Auskunft im vergangenen Jahr
37 Prozent der Befragten, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung
(KBV) als Auftraggeberin der Umfrage am Dienstag mitteilte. Insgesamt
gut jeder zweite (56 Prozent) kam binnen drei Tagen dran. Dagegen
mussten bei Fachärzten 32 Prozent mehr als drei Wochen warten. Bei
Privatversicherten geht es eher schneller als bei Kassenpatienten.

KBV-Chef Andreas Gassen sagte: «Natürlich ist nicht alles perfekt,
auch nicht bei den Wartezeiten. Aber die Situation insgesamt ist
gut.» Vor allem Hausärzte als erste Ansprechpartner seien für die
allermeisten Patienten kurzfristig verfügbar. Um die Situation bei
Fachärzten müsse man sich mittelfristig eher kümmern.

Einige weitere Befunde der Analyse, für die die Forschungsgruppe
Wahlen vom 9. April bis 4. Juni telefonisch 6043 Menschen ab 18
Jahren befragt hat:

WARTEN AUF TERMINE: Wie schnell man behandelt wird, hängt stark von
der Dringlichkeit ab. Bei aktuellen Beschwerden bekamen 53 Prozent
der Befragten sofort einen Termin oder gingen direkt ohne Anmeldung
in die Praxis. Bei Behandlungen chronischer Krankheiten war das bei
42 Prozent so. Für Impfungen und Vorsorge-Checks mussten sich jedoch
59 Prozent mehr als drei Tage gedulden. Auch unter Fachärzten gibt es
Unterschiede: Wartezeiten bei Chirurgen und Hals-Nasen-Ohren-Ärzten
waren kürzer als bei Urologen oder Frauenärzten - die machen aber
auch mehr Vorsorgeuntersuchungen mit eher längerfristigen Terminen.  

WIE GROß IST DER ÄRGER? Dass ihnen das Warten auf einen Termin zu
lange dauerte, sagten 11 Prozent der Befragten - und 20 Prozent von
denen, die sich mindestens einen Tag gedulden mussten. Größer wird
der Unmut aber bei wochenlangen Wartezeiten. Unterschiede je nach
Krankenversicherung werden vor allem bei langem Warten beim Facharzt
deutlich: So mussten nach eigener Auskunft 34 Prozent der gesetzlich
Versicherten mehr als drei Wochen auf einen Termin warten (Vorjahr:
30 Prozent), bei Privatpatienten waren es 18 Prozent (17 Prozent).

WARTEN IM WARTEZIMMER: Wenn sie in der Praxis sind, kommen rund drei
Viertel (72 Prozent) nach eigener Auskunft binnen einer halben Stunde
an die Reihe - ein stabiler Umfragewert seit mehreren Jahren. Länger
als 30 Minuten in der Praxis gewartet haben demnach 27 Prozent der
Kassenpatienten und 14 Prozent der Privatversicherten. Überhaupt mehr
als zwei Stunden ausharren zu müssen, war sehr selten (2 Prozent).

REAKTIONEN: Patientenschützer und Krankenkassen dringen angesichts
der Umfrageergebnisse auf einen Ausbau von «Terminservicestellen»,
den Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plant. Es sei überfällig,
dass eine einheitliche bundesweite Rufnummer komme, die rund um die
Uhr erreichbar sei, betont die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Der
Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung begrüßt dies
ebenfalls. Gerade bei Facharztterminen gebe es noch Luft nach oben.

NACHTS UND AM WOCHENENDE: Bei der Frage, wie sich Patienten außerhalb
der Praxis-Öffnungszeiten entscheiden, verändert sich laut der
Umfrage etwas. Wenn sie nachts oder am Wochenende Hilfe brauchen,
gehen weniger Menschen direkt in die häufig überlasteten Notaufnahmen
von Kliniken. 33 Prozent der Befragten taten dies nach eigenen
Angaben zwar noch immer, ein Jahr zuvor waren es aber noch 47
Prozent. Dagegen wandten sich nun 26 Prozent (Vorjahr: 20 Prozent) an
ärztliche Bereitschaftsdienste. KBV-Chef Gassen sagte, offensichtlich
trügen intensive Informationen über diese ersten Anlaufstellen erste
Früchte.

UND SONST? Die große Mehrheit der Patienten fühlt sich beim Arzt nach
wie vor gut aufgehoben - 91 Prozent der Befragten bezeichneten das
Vertrauensverhältnis als «sehr gut» oder «gut». Zu neuen digitalen
Behandlungsangeboten ergab sich in ergänzenden vertieften Interviews
Aufgeschlossenheit, wie die KBV erläuterte. Deutlich werde aber auch
Skepsis bei reinen Fernbehandlungen etwa per Video durch Ärzte, mit
denen man vorher keinen Kontakt hatte. «Digitale Angebote werden den
persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient unterstützen, jedoch
niemals ersetzen können», sagte KBV-Chef Gassen.