Agenturmeldungen

Streit um Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung

11.12.2018

Deutschlands Psychotherapeuten schlagen Alarm. Stein des Anstoßes ist
ein Plan von Gesundheitsminister Spahn. Er verspricht eine bessere
Steuerung der Patienten zu therapeutischen Angeboten.

Berlin (dpa) - Kurz vor der Beratung eines Gesetzes für eine bessere
Patientenversorgung gibt es Streit um den Zugang von Versicherten zu
psychotherapeutischer Behandlung. Stein des Anstoßes ist, dass mit
dem geplanten Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) von
Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) neue Regelungen in dem Bereich
geplant sind. Die Bundespsychotherapeutenkammer kritisierte diesen
Plan am Dienstag in Berlin heftig. Auch in einer Petition für den
Bundestag werden die Pläne in scharfen Worten abgelehnt.

Das TSVG soll an diesem Donnerstag oder Freitag im Bundestag erstmals
beraten werden. Mit dem Gesetzentwurf will Spahn erreichen, dass
Versicherte schneller Arzttermine bekommen. Im Bereich Psychotherapie
ist eine Vorgabe an den gemeinsamen Bundesausschuss geplant: Der
Bundesausschuss soll Regelungen für eine gestufte und gesteuerte
Versorgung für die psychotherapeutische Behandlung beschließen. Der
Ausschuss ist das höchste Entscheidungsgremium der Selbstverwaltung
im Gesundheitswesen unter anderem mit Spitzenvertretern der
Krankenkassen, der Ärzte und der Kliniken. Dieses Gremium soll laut
dem Gesetzentwurf auch über Anforderungen an die Qualifikation der
Ärzte und Psychotherapeuten entscheiden, die für die
Behandlungssteuerung verantwortlich sein sollen.

Der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, Dietrich Munz,
bezeichnete solch eine Steuerung als überflüssig. Er verwies auf die
sogenannte psychotherapeutische Sprechstunde: «Eine gestufte und
gesteuerte Versorgung von psychisch kranken Menschen ist seit der
Einführung der psychotherapeutischen Sprechstunde längst Realität.»

Diese Sprechstunde wurde eingeführt, damit Versicherte Rat und Hilfe
erhalten. Munz sagte, diese Sprechstunde sei ein Erfolg. Knapp 60
Prozent der Ratsuchenden erhalten eine psychotherapeutische
Behandlung, wie die Kammer unter Berufung auf eine Auswertung der
Abrechnungsdaten von rund 240 000 Patientinnen und Patienten
mitteilte. Über 40 Prozent verlassen demnach die Praxis, ohne
anschließend eine Akut-, Kurzzeit- oder Langzeittherapie zu beginnen.
Bei leichten Beschwerden würden die Therapeuten etwa Angebote zur
Prävention und Selbsthilfe empfehlen. Wenn Patienten aber eine
Behandlung benötigen, müssten sie oft monatelang auf einen freien
Behandlungsplatz warten. Die «Süddeutsche Zeitung» (Dienstag)
berichtete zuerst darüber.

Gesundheitsminister Spahn sagte mit Blick auf die Gesetzespläne, wenn
es bessere Vorschläge gebe, dann sei er dafür offen. Er wolle aber
dem Missstand abhelfen, dass Menschen Therapeuten suchen und nicht
finden.

Die Psychotherapeuten hingegen forderten unter anderem die sofortige
Möglichkeit für 1500 Psychotherapeuten, sich außerhalb von
großstädtischen Zentren zusätzlich niederzulassen, sowie eine höhere
Vergütung für Sprechstunde und Akutbehandlung.

In der Petition für den Bundestag wird behauptet, ausgesuchte Ärzte
und Psychotherapeuten sollten durch den Gesetzesplan in
Voruntersuchungen entscheiden, «welchem Hilfs- bzw. Therapieangebot
die Betroffenen zugeführt werden». Weiter heißt es dort: «Eine
derartige Selektion, bevor eine Behandlung in Anspruch genommen
werden kann, hebelt den freien Zugang zum ärztlichen oder
Psychologischen Psychotherapeuten aus.» Der Bundestag, so wird darin
verlangt, solle den Gesetzentwurf ablehnen. Am Dienstagnachmittag gab
es mehr als 137 000 Online-Mitzeichner.