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Tablette und Tablet - Pharmakonzerne basteln an digitaler Zukunft

19.11.2018

Arzneifirmen forschen längst nicht mehr nur an Wirkstoffen. Sie
widmen sich auch Algorithmen, Datenlösungen und künstlicher
Intelligenz - und feilen an digitalen Portalen für Tierärzte oder an
künstlichem Labor-Fleisch. Doch sie finden nur schwer Spezialisten.

Ingelheim/Darmstadt (dpa) - Eine Balancierband zwischen Bäumen,
Sitzsäcke, darum herum mehrere Hütten: Das seit rund einem Jahr
bestehende digitale Labor «BI X» bei Boehringer Ingelheim sieht gar
nicht wie das Gelände eines Pharma-Unternehmens aus. Dort, wo früher
die Gästekantine untergebracht war, basteln nun IT-Fachleute an neuen
Produktideen - jenseits von Pillen oder Kapseln. An einer Wand im «BI
X» reihen sich Flachbildschirme aneinander. Sie zeigen den Status der
Arbeit von fünf Teams, die verschiedene Pilotprojekte verfolgen.

Man suche nach neuen Geschäftsmodellen im digitalen Umfeld für
Boehringer, sagt «BI X»-Chef Heiko Schmidt. Das Labor, in das
die Ingelheimer zum Start rund zehn Millionen Euro gesteckt haben,
arbeite mit allen Konzernbereichen zusammen. Ziel sei es, in kurzer
Zeit neue Ideen auf technische Umsetzbarkeit und potenziellen Nutzen
zu prüfen und binnen weniger Monate funktionsfähige Prototypen zu
entwickeln. Erste Projekte sind abgeschlossen - etwa ein digitales
Portal für den Austausch zwischen Haustierbesitzern und Tierärzten.

«In den USA können Tierbesitzer seit Kurzem virtuelle Arztbesuche per
Video vereinbaren und durchführen, anstatt mit dem Tier in die Praxis
fahren zu müssen», erklärt Schmidt. Bei künstlicher Intelligenz
arbeiten Teams an Möglichkeiten, lernende Algorithmen für die bessere
Diagnose von Krankheiten einzusetzen. Was am Ende auf den Markt
kommt, ist noch nicht absehbar. Es müsse vieles versucht werden, sagt
Boehringers Deutschland-Chef Stefan Rinn. Es gebe immer das Risiko,
dass etwas auch nach monatelanger Arbeit doch nicht funktioniere.

So wie Boehringer experimentieren auch andere in der Branche auf
neuen Feldern - etwa Merck in Darmstadt. Zu den Feierlichkeiten zum
350-jährigen Bestehen im Mai eröffnete der Konzern sein neues
Innovationszentrum. Rund 69 Millionen Euro kostete der futuristische
Bau aus Beton und Glas. Auf sechs Stockwerken gibt es dort moderne
Büros, Konferenzräume, Erholungszonen, ein Auditorium und eine
Arbeitszone mit Laser-Schneiden und 3D-Druckern.

Ziel sei «eine kreative und agile Umgebung, in der neugierige Köpfe
zusammenfinden, um neue Technologien für unser zukünftiges Geschäft
zu entwickeln», sagte Merck-Chef Stefan Oschmann bei der Eröffnung.
Das Zentrum beheimatet 150 interne und externe Mitarbeiter.

Sie arbeiten etwa an Biotech-Lösungen für Fleisch, das im Labor aus
Gewebe gezüchtet wird, sowie an einfachen Messungen im menschlichen
Körper für datenbasierte Krankheitsbehandlungen. Drittes wichtiges
Feld sind Technologien, um anhand von Spuren in Blutproben
Krankheiten zu entdecken und zu behandeln.

Auch 565 Start-ups haben sich um einen Platz in dem Zentrum beworben.
Zehn sollen den Zuschlag bekommen und im Januar einziehen. Die
Aussicht auf Ideen von außen lässt sich Merck viel kosten: Die Firmen
erhalten über drei Monate Büros, Trainings und bis zu 50 000 Euro.

Das hippe Innovationszentrum soll auch zeigen, dass sich das eher
konservative Familienunternehmen Merck öffnet und als Arbeitgeber
konkurrenzfähig ist. Denn Software-Entwickler und
Naturwissenschaftler sind im Fachkräftemangel gefragt: In Deutschland
fehlen laut dem Digitalverband Bitkom allein 55 000 IT-Spezialisten.

Software-Spezialisten und «Data Scientists» würden von Unternehmen
vieler Wirtschaftssparten gesucht, erklärt Thilo Kaltenbach,
Gesundheitsexperte bei der Beratungsfirma Roland Berger. Pharmafirmen
müssten sich daher attraktiv darstellen. Das gehe etwa über die
Mitarbeit an spannenden Innovationen, die Einbindung in strategische
Entscheidungsprozesse, aber auch über persönliche Themen wie
Wertschätzung, flexible Arbeitszeiten oder Home-Office-Lösungen.

Problematisch könne es sein, dass sich nicht einfach einschätzen
lasse, welchen Mehrwert Innovationszentren an Umsatz und Gewinn
bringen, meint der Berater. Zwar sei jeder vom Nutzen und der
Bedeutung von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz überzeugt.
Mittelfristig brauche man aber objektiv messbare Erfolgskriterien.

«Wir müssen international rekrutieren», sagt auch Boehringers «BI X»-
Labor-Chef Schmidt. Die Arbeitssprache ist Englisch, 51 Menschen aus
19 Nationen sind hier beschäftigt - die meisten keine 30 Jahre alt.
Die begehrten Experten könne man anders als früher nicht etwa mit
Dienstwagen locken, sondern eher mit Flügen heim zu den Eltern.

In Boehringers Labor werden Teams erst aktiv, wenn noch kein Start-up
an einer ähnlichen Idee arbeitet - es also noch keine Lösung am Markt
gibt, wie Schmidt sagt. Man lege Wert darauf, dass die Teams in
Ingelheim zusammensitzen. «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass
virtuelle Teams nicht so funktionieren. Wir haben nicht viel Zeit.»

Die klassische Entwicklung von Wirkstoffen sei sehr stark reguliert,
die Arbeit in Innovationszentren etwas Neues, sagt Kaltenbach. Es
gehe der Pharmabranche auch darum, Tech-Firmen wie Google oder Amazon
nicht das Feld zu überlassen. «Die Unternehmen durchleben hier gerade
eine kleine Revolution.»