Agenturmeldungen

Tausende Patienten Opfer von Behandlungsfehlern - Hohe Dunkelziffer

04.04.2018

Zu spät erkannte Darmverletzungen, unerkannte Malaria: Im
Medizinbetrieb werden Patienten regelmäßig Opfer von folgenschweren
Fehlern. Über das genaue Ausmaß gibt es nur Schätzungen.

Berlin (dpa) - Mehr Patienten als nötig werden aus Expertensicht in
Deutschland Opfer ärztlicher Behandlungsfehler. «Es gibt zu viele
Fälle, und es gibt Instrumente dagegen, die wir anwenden können»,
sagte der Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit,
Hardy Müller, der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Neue Zahlen
stellt die Bundesärztekammer an diesem Mittwoch vor. Präsentiert
wird, wie viele Fälle von Fehlerverdacht die Gutachterkommissionen
und Schlichtungsstellen der Ärzteschaft im vergangenen Jahr
untersuchten  - und wie oft sie hierbei tatsächlich einen Fehler
feststellten.

Müller betonte, dass diese Statistik keine Auskunft über den Stand
der Patientensicherheit in Deutschland gebe. Die Zahlen zeigten
vielmehr, in welchen Fällen Patienten am ehesten einen Fehler
vermuteten und nach welchen Behandlungen sie sich am häufigsten auch
tatsächlich beschweren.

Laut der bisher jüngsten Fehlerstatistik der Ärzteschaft trafen deren
Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen 2016 bundesweit 7639
Entscheidungen zu mutmaßlichen Behandlungsfehlern. Sie stellten dabei
in 2245 Fällen einen Behandlungsfehler fest. In 1845 dieser Fällen
war ein solcher Fehler Ursache für einen Gesundheitsschaden. Dazu
kamen 15 094 Gutachten der Medizinischen Dienste der Krankenkassen zu
vermuteten Behandlungsfehlern. Hier wurde in knapp jedem vierten Fall
der Fehler bestätigt.

Wie viele Patienten sich direkt an Gerichte, Anwälte oder
Versicherungen wenden, ist unbekannt. In der Vergangenheit schätzten
die Ärzte die Zahl der Beschwerden auf 40 000 pro Jahr insgesamt.

Vermeidbare Fehler und Probleme bei Behandlungen gebe es aber weit
öfter, sagte Müller. Schätzungen zufolge endeten rund 0,1 Prozent der
Behandlungen in einem Krankenhaus vermeidbar tödlich. Das entspricht
rund 20 000 Todesfällen. Das sei eine weit größere Zahl als die
offiziell - etwa von Gerichten - festgestellten vermeidbaren
Todesfälle durch Behandlungsfehler. Wichtig sei, dass alle
Beteiligten die Sicherheitskultur weiterentwickeln und Fehler
vermeiden. Ein Streit über Zahlen helfe da nicht weiter, mahnte
Müller.

Beispiele für Behandlungsfehler veröffentlicht zum Beispiel die
norddeutsche Schlichtungsstelle der Ärzteschaft. So ging ein
22-jähriger, kranker Mann nach einem Madagaskar-Urlaub mit
Malaria-Verdacht zum Hausarzt. Dieser leitete laut Schlichtungsstelle
aber nicht die für einen Akutfall geeigneten Diagnose- und
Therapieschritte ein. Der junge Mann ging nach drei Tagen auf eigene
Faust in eine Tropenklinik und wurde erst dort richtig behandelt.

In einem anderen Fall kam ein 39-Jähriger mit einer Stichverletzung
nach einem Streit ins Krankenhaus. Trotz akuter Behandlung und
Untersuchung des Bauchs durch kleine Öffnungen der Bauchdecke sowie
durch Ultraschall wurden Dick- und Dünndarm-Verletzungen zunächst
nicht erkannt. Folge: Der Mann musste 18 Folge-Operationen über sich
ergehen lassen und zwei Monate in der Klinik bleiben, davon zwei
Drittel auf der Intensivstation mit einem Luftröhrenschnitt zur
Dauerbeatmung.

Laut der vor einem Jahr veröffentlichten Fehlerstatistik der
Ärzteschaft waren die häufigsten Diagnosen, die zu Vorwürfen führten,
Knie- und Hüftgelenkarthrosen sowie Unterschenkel- und
Sprunggelenkbrüche.