Agenturmeldungen

Viele Demenzkranke bekommen potenziell schädliche Psychopharmaka

07.04.2017

Sie irren herum, sie rufen, sie verhalten sich aggressiv:
Demenzkranke machen Pflegern in Altenheimen viel Arbeit. Sehr viele
bekommen Psychopharmaka - obwohl diese Mittel gesundheitliche Risiken
bergen. Sollen sie nur ruhiggestellt werden?

Berlin (dpa) - Demenzkranke in Pflegeheimen bekommen in Deutschland
häufig Psychopharmaka, die ihrer Gesundheit schaden können. Das geht
aus dem am Mittwoch veröffentlichten Pflege-Report 2017 hervor. Fast
die Hälfte der 500 000 stationär betreuten Demenzpatienten (43
Prozent) erhält demnach sogenannte Neuroleptika, also Mittel, die
gegen Wahnvorstellungen eingesetzt werden. Fast alle dieser
Medikamente sind eigentlich nicht für Demente zugelassen.

Patientenschützer rügten den Einsatz von Antidepressiva und
Beruhigungsmitteln. Damit würden Demenzkranke in Pflegeheimen oft
«ruhiggestellt», weil Personal fehle, sagte der Vorstand der Stiftung
Patientenschutz, Eugen Brysch, der Deutschen Presse-Agentur. «Für die
meisten Heimbewohner ist das äußerst schädlich.»

Ähnlich bewertet es Pharmakologin Petra Thürmann, die für den Report
der Krankenkasse AOK rund 850 Heimbewohner untersucht hat. «Der
Nutzen ist nicht besonders, aber dafür kaufen wir uns relativ viele
Risiken ein», sagte sie. Zwar gehe es 10 bis 20 Prozent der Patienten
dank der Neuroleptika besser, aber es komme durch die Nebenwirkungen
auch zu Todesfällen, Schlaganfällen und Verschlechterungen der
Denkfähigkeit.

Hierzulande werden die Mittel besonders häufig verschrieben. In
schwedischen Pflegeheimen bekämen nur 12 Prozent der dementen
Bewohner Neuroleptika, in Frankreich 27 Prozent, sagte Thürmann.
Diese niedrigeren Werte zeigten, dass man Demenzkranken auch anders
als mit Medikamenten helfen könne, beispielsweise mit
Beschäftigungsangeboten.

Das scheitert laut dem Report aber oft am Zeitdruck. Knapp ein
Drittel von rund 2500 befragten Altenpflegern in Deutschland gab an,
Zeitmangel sei Schuld daran, dass nicht auf Alternativen zu
Medikamenten zurückgegriffen werde.

Demenzkranke stellen Pflegekräfte häufig vor große Herausforderungen.
Rund drei Viertel der befragten Pfleger ist täglich bei der Arbeit
mit verbal auffälligem und körperlich unruhigem Verhalten der
Bewohner konfrontiert. Ein Drittel erfährt jeden Tag verbale
Aggressionen, 15 Prozent haben es täglich mit körperlich aggressiven
Patienten zu tun.

Obwohl die Pfleger richtig einschätzen, dass den Bewohnern ihrer
Heime viele Psychopharmaka verordnet werden, halten laut Report die
meisten von ihnen den Einsatz der Medikamente bei Demenz für
angemessen. Antje Schwinger, Mitautorin des Reports, sagte: «Das
Problembewusstsein der Pflegekräfte muss hier offensichtlich
geschärft werden.»

Brysch sagte, Fixierungen lehnten die meisten Pflegekräfte heute zwar
ab. Aber nun übernähmen vermehrt Psychopharmaka die Aufgabe, die
Patienten ruhig zu halten. «Das ist Freiheitsberaubung.»