Agenturmeldungen

Vom Lebensretter zum Patienten: Dr. Wachs wartet auf eine neue Lunge

29.05.2017

Hand aufs Herz: Wer hat einen Organspendeausweis in der Geldbörse?
Der Grund, keinen zu haben, ist selten Unwille, Menschen nach dem
eigenen Tod zu helfen. Viel häufiger ist es Nachlässigkeit. Die
Folgen für schwerkranke Menschen sind oft tödlich.

Berlin (dpa) - Das Blaulicht steht noch neben dem Fahrersitz, eine
neonfarbene Jacke mit dem Aufdruck «Notarzt» baumelt über der
Rückbank. «Ich kann nicht ohne Tatütata», sagt Wolfgang Wachs. Und
doch weiß der 59-Jährige, dass er das Blaulicht nicht mehr auf sein
Autodach setzen darf, nie wieder vielleicht. Der passionierte Notarzt
aus Brandenburg, der 20 Jahre lang Tausende Male als Lebensretter zur
Stelle war, braucht selbst Hilfe: eine neue Lunge, eine
Transplantation. «Es ist kein schöner Gedanke, dass jemand sterben
muss, damit ich weiterleben kann», sagt er. Doch sein Wunsch, wieder
arbeiten zu können, ist stärker.

Wolfgang Wachs steht beim Deutschen Herzzentrum Berlin auf der
Warteliste für eine neue Lunge. Doch über seine Chancen auf eine
Organspende macht er sich keine Illusionen.

Als Notarzt hat er einer jungen Frau geholfen, die unter der gleichen
Krankheit litt wie er: Lungenfibrose. Warum dabei die Lunge versteift
und den Körper mit immer weniger Sauerstoff versorgt, ist noch nahezu
unbekannt. Es ist eine seltene Erkrankung, und die Forschungsbudgets
in Deutschland dafür sind gering. Mediziner Wachs weiß, dass seine
Patientin inzwischen gestorben ist, weil es kein Spenderorgan für sie
gab. «Sie war 35 Jahre alt und hatte zwei kleine Kinder.»

Es sind solch stille Dramen, die sich hinter den Zahlen der Deutschen
Stiftung Organtransplantation verbergen. Rund 10 000 Menschen in
Deutschland brauchen ein neues Organ, um weiterleben zu können. Rund
drei von ihnen sterben jeden Tag, weil es nicht rechtzeitig zur
Verfügung steht. 857 Organspender gab es 2016. Es ist der niedrigste
Wert seit fünf Jahren.

2012 wurden an der Uniklinik Göttingen Manipulationen bekannt. Ein
Arzt machte seine Patienten in Klinikakten kränker als sie waren,
damit sie auf den Wartelisten der Vermittlungsstelle Eurotransplant
nach oben rückten. Er war kein einzelnes schwarzes Schaf. Auch das
Berliner Herzzentrum ist unter den verdächtigen Kliniken,
Ermittlungen laufen noch. Inzwischen sind Kontrollriegel
vorgeschoben. Doch der Schaden ist immens: Das Vertrauen in die
Transplantationsmedizin ist erschüttert, die Spendenbereitschaft noch
geringer als sie es ohnehin schon war.

Die Folgen bekommen Menschen wie Wolfgang Wachs hautnah zu spüren.
Seit 2011 weiß er von seiner Lungenfibrose. Heiligabend 2016
beschloss er nach einem schweren Einsatz, dass er nicht mehr guten
Gewissens als Notarzt arbeiten kann. Ihm fehlte die körperliche Kraft
dafür. Seit rund drei Wochen braucht er dauerhaft ein
Sauerstoffgerät. Husten quält ihn, selbst Sprechen kann anstrengend
sein. 

Es fällt Wolfgang Wachs nicht leicht, sich jetzt mit kleinen
Schläuchen in der Nase auf der Straße zu zeigen. An seinem Haus hängt
außen das Schild «Arzt». Innen hängt die Ahnengalerie - vom
Ururgroßvater bis zu ihm, alle waren sie Mediziner. Auf der Terrasse
steht eine Leuchttafel mit dem Schriftzug «Notaufnahme» - ein Scherz.
Ohne Humor lasse sich dieser Job nicht machen, sagt Doktor Wachs.
Humor ist eine seiner Bewältigungsstrategien. 

Leben und Tod - kaum ein Arzt ist dauerhaft so nah dran wie ein
Rettungsmediziner. Nach Jahren als Notarzt auf der Straße und auf dem
Wasser kam er seit 2008 mit dem Rettungshubschrauber «Christoph 39»
aus der Luft zu Hilfe. Im brandenburgischen Perleberg stationiert,
war er in fünf Bundesländern im Einsatz. Es war ihm wichtig, zu
bleiben, auch wenn er nichts mehr für Patienten tun konnte. Er blieb
für die Angehörigen. Ein Notarzt ist nach seinem Verständnis auch ein
Trostspender.  

Wolfgang Wachs hat so ziemlich alles gesehen, was es an Unfällen und
Unglücken gibt. Er hat viele Menschen sterben sehen. Doch er besitzt
auch dieses Fotobuch. Ein kleiner Junge lacht auf dem Titelbild. «Er
war im Gartenteich fast ertrunken», sagt Wolfgang Wachs. Er hat das
Kleinkind mit Kollegen wiederbelebt, heute ist der Junge elf, ein
guter Schüler und wie ein Patensohn für ihn. Es ist das, was bleibt.

«Ich weiß nicht, was kommt. Ich kann nur warten», sagt Wolfgang
Wachs. Die Transplantation ist seine einzige Überlebenschance,
Medikamente sind ausgereizt. Der Mangel an Organen führt zu einer
paradoxen Situation: Würde Patient Wachs bald erfolgreich eine Lunge
transplantiert, könnte er vielleicht sogar wieder arbeiten. «So wie
Roland Kaiser, der singt ja auch wieder», sagt er. Doch noch ist er
nicht krank genug, um auf der Warteliste ganz nach oben zu rutschen.
Je kränker er aber wird, desto schlechter sind die Aussichten auf
schnelle Genesung.

In vier Monaten wird Wolfgang Wachs 60 Jahre alt. Den runden
Geburtstag will er erleben und feiern. Bis dahin möchte er auch sein
Tagebuch aus der Rettungshubschrauber-Zeit in Buchform bringen. Der
ruhige Rückblick ist nach Jahren der Adrenalin-Schübe wichtig für
ihn. Und er denkt an seinen Traum: Die «Route 66» in den USA
entlangzufahren. Die fehlt ihm noch, nach Reisen in 53 Länder. 

Meist fährt er jetzt aber zu seinem Arzt, Kollegen reden offen
miteinander. Wolfgang Wachs hat vorgesorgt, so gut es geht. Mit einer
Patientenverfügung, Vollmachten für die Lebenspartnerin - und seit
Jahren schon mit einem Organspendeausweis. In ganz dunklen Stunden
denkt er ans Aufgeben. Doch dann kommt dieser Gedanke, dass er als
Notarzt so oft ums Leben gekämpft hat. «Warum dann nicht auch bei mir
selbst?»