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Vorsorgemaßnahme: Verteilung von Jodtabletten in Aachen hat begonnen

01.09.2017

Aachen (dpa) - In der Region Aachen hat am Freitag die vorsorgliche Verteilung von Jodtabletten für einen atomaren Ernstfall begonnen. Wegen der Nähe zum umstrittenen belgischen Kernkraftwerk Tihange hatte die Region beim Land Nordrhein-Westfalen darauf gedrungen, die Bevölkerung schon jetzt mit den Tabletten zu versorgen. Politik und Verwaltung bezweifeln, dass dies im Ernstfall rechtzeitig gelingen kann. Die hoch dosierten Jodtabletten sollen verhindern, dass die Schilddrüse radioaktives Jod aufnimmt.

Die Sicherheit des belgischen Kernkraftwerks Tihange ist wegen Tausender Mikrorisse an Meiler 2 umstritten. Die Bundesregierung hatte vergeblich eine vorübergehende Abschaltung bis zur Klärung offener Sicherheitsfragen gefordert.

In Stadt und Städteregion Aachen und drei angrenzenden Kreisen können Menschen die 45 Jahre und jünger sind, Schwangere und Stillende die Bezugsscheine über einen Link im Internet beantragen und Sekunden danach ausdrucken. Diese einmalige Aktion dauert bis Ende November. Von den rund 1,5 Millionen Einwohnern der Region haben rund 600 000 Menschen Anspruch auf die kostenlosen Tabletten. Menschen über 45 Jahren sollten nach der Empfehlung der Strahlenschutzkommission keine Jodtabletten nehmen. Das Risiko von Nebenwirkungen sei dann höher als das Risiko, später einmal an Schilddrüsenkrebs zu erkranken.
Die Vorab-Verteilung ist bundesweit bisher nur in Ausnahmefällen und für einen sehr eng begrenzten Bereich zugelassen worden. In der Regel werden die Tabletten zentral gelagert und nur im Bedarfsfall ausgegeben. Damit soll unter anderem verhindert werden, dass die Tabletten zu früh eingenommen oder verlegt werden.
In einem atomaren Ernstfall würden zwar auch noch mal Jodtabletten ausgegeben, aber das wäre dann keinesfalls so entspannt wie jetzt, betonte Koordinator Markus Kremer: «Wir appellieren, die Chance einfach jetzt zu nutzen und sich den Druck zu nehmen.»

Für den in der Aachener Region lebenden Grünen-Fraktionschef im Bundestag, Oliver Krischer, ist das ein konsequenter Schritt: «Pannen und Abschaltungen werden bei den belgischen AKWs im Wochentakt gemeldet, deswegen ist die Verteilung der Jod-Tabletten auch konsequent», stellte er in einer Mitteilung fest.
Die Städteregion Aachen klagt vor belgischen Gerichten gegen den Betrieb von Tihange 2, unterstützt von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und über 100 Kommunen aus der Grenzregion.